Feines Reiten
nach klassisch-barocken Grundsätzen im Sinne der Pferdegesundheit

Susanne - Dialog mit der Reitlehrerin

„Hi“ begrüßte mich die Reiterin auf dem großen Vollblüter mit einem entwaffnenden Grinsen. „Ich bin Susanne – und das…“ sie zeigte auf den langrückigen Rappen unter ihr „ist Sam, Sam Brown“. Energisch trieb sie ihn zum Schritt an und rief über die Schulter im Vorbeireiten: „muss erst mal die grüne Lampe anschalten, sonst geht hier nix.“ 

Ich nickte nur und schaute mir die Situation an. Susanne hatte mich vor einigen Tagen angerufen und um Reitunterricht gebeten, ihre alte Reitlehrerin sei weggezogen. Sam war ein langes Pferd mit einem zu kräftigen Rücken. Der Hals passte zwar gut von der Länge, neigte aber zu einem schlankem Schwanenhals so dass er wenig Entlastung für die Schultern brachte. Die Reiterin trabte mit steifen Armen und energischem Körpereinsatz im Leichttraben in einem Dressursattel mit viel zu tiefem Sitz und dicken Pauschen, so dass sie sich ständig mit viel Körpereinsatz herausheben mußte. Jetzt wurde mir auch klar, woher das Schnaufen kam, welches die Halle erfüllte als ich das Tor öffnete. Es kam von Sam. Mühsam rang er um jeden Atemzug während er brav aber emotionslos seine Runden drehte. Schnell hatte ich meinen ersten Eindruck zusammengefasst: Pferd und Reiterin benötigten dringend Impulsion, um zu einer leichteren Reitweise zu gelangen, und viele Über- sowie Seitengänge. Und wie bei fast allen deutschen Reitern war das Thema Anlehnung ein wichtiger noch zu erlernender Baustein. Dans schlurfende langweilige Gangarten machten ihn nicht unbedingt zu einem Hingucker. Susanne schien vor Ehrgeiz zu sprühen, sie erarbeitete jeden Schritt, Tritt und Sprung mit voller Hingabe, ich hoffte nur, ihren Ehrgeiz in die Bahnen lenken zu können, die bei mir Priorität hatten. 

Ich bat sie anzuhalten und trat auf die beiden zu. Susanne strahlte mich an, Sam atmete mit angestrengten Zügen ein und aus. „Hallo Sam“ begrüßte ich den großen Rappen und streichelte ihn am Hals, „na, du schnaufst ja heftig.“ „Ja, Sam hat starke Bronchienprobleme, ich muss ihn täglich lange traben und galoppieren, damit sich der Schleim löst.“ sprudelte es aus Susanne heraus, sie wirkte weiterhin energisch und sehr sympathisch. Ich fasste meine Eindrücke für sie kurz zusammen und erhielt ein begeistertes Nicken ihres Lockenkopfes. „Ja, mit Seitengängen haben wir auch schon angefangen, das wäre mir sehr lieb, wenn wir da weitermachen könnten.“ Noch im Sprechen wendete sie ihr Pferd ab in dem Bestreben sofort zu beginnen. Zäh kam Sam der Aufforderung zum Antreten nach und schlurfte Richtung Bande. Ich ließ sie gewähren, behielt meine Gedanken aber im Hinterkopf. Wenn ich sofort mit meinen Korrekturplänen angefangen hätte, hätte ich ihr sicherlich eine Menge ihrer Motivation genommen. 

Sie begann mit dem Schulterherein auf der rechten Hand und warf mir während des Abstellens zu, diese Hand sei die bessere. Sam kam der Aufforderung des rechten Zügels sofort nach und stellte seine gesamte Vorhand weit in die Bahn hinein, spannte seine rechte Halsseite ordentlich gegen den Zug des rechten Zügels an und ließ sich vom rechten Schenkel fleißig seitwärts schieben. „Okay, dann zeig mir mal die linke Hand“ rief ich am Ende der langen Seite Susanne zu. „Du kannst aus einer Kehrtvolte starten“. Die Halle mit den Maßen 60 x 30 m bot alle Möglichkeiten. Beim Handwechsel von der rechten auf die linke Hand zeigte sich auf der Kehrtvolte die extreme Schulterlastigkeit des großen Oldenburgers, wie er es vorher schon in der Geradeausarbeit vermuten ließ, indem er mit der Schulter komplett nach innen kippte. Auf der linken Hand an der Bande angekommen wollte er sich kaum von dort lösen und klebte förmlich an ihr fest. Susanne zog fleißig am linken Zügel Richtung Widerrist, dadurch verspannte sich ihre ohne schon feste linke Körperseite noch mehr und nachdem sie den Zügel noch zweimal nachgefasst hatte, gab sie auf. „Siehst du“, ihr Gesicht war nicht mehr ganz so fröhlich wie vorher, „das klappt gar nicht“. „Na, dafür gibt er ja auf der anderen Hand das Doppelte“ gab ich aufmunternd zurück und bat sie nochmals in die Hallenmitte. 

„Sieh mal, Susanne“, ich nahm ihre Gerte aus der Hand und formte sie wie die Oberlinie eines Pferdes „der dicke Teil der Gerte ist die Hinterhand, der schmale Teil die Vorhand und das dünne Ende der Hals Deines Pferdes“ Ich ahmte mit meinem Zeige- und Mittelfinger jeweils die Hinter- und Vorderbeine des Pferdes nach indem ich die Gerte zwischen die Finger nahm. „Schulterherein heißt ‚Schulter’herein’ und nicht ‚Kopf’ herein oder ‚Hinterhand heraus’. Mit deinen Zügeln, und zwar mit BEIDEN Zügeln führst du die Schulter, also die Vorhand deines Pferdes herein. In welche Richtung dein Pferd dabei guckt ist erst einmal zweitrangig. Also wenn du das Schulterherein links anstrebst führst du mit dem linken UND dem rechten Zügel die Schulter von Sam herein. Weil Sam mit der rechten Schulter lieber an der Bande klebt wirst du den rechten Zügel etwas mehr benutzen müssen. Aber nicht indem du an ihm ziehst, sondern indem du immer nur kurz abdrückst, also die Hand schließt und öffnest. Dabei wird er seinen Kopf nach rechts stellen, aber wie ich vorhin schon sagte, ist das erst einmal zweitrangig. Du erreichst aber, dass er sich so mit beiden Schultern nach links verschieben wird.“ Während ich Susanne die Zügelhilfen erklärte ahmte ich dies mit der Gerte zwischen meinen Händen nach, indem ich das vordere Teil der Gerte immer wieder gerade formte um ihr die Halsposition und Verschiebung der Schultern deutlich zu machen. 

Susanne sah mich etwas zweifelnd an, schwang dann aber ihren Oberkörper mit einem Ruck nach vorn und drückte beide Schenkel kräftig zu um Sam wieder in Gang zu bringen. Ich unterdrückte meinen Impuls zu fragen, ob Sam ein Karnickel sei, welches mit beiden Beinen gleichzeitig loshüpfte. Dieses Thema überließ ich einem späteren Zeitpunkt. Sie mühte sich redlich an der langen Seite Sams Schulter nach meinen Erklärungen herein zu bringen, Sam jedoch mühte sich ebenso redlich an der Bande kleben zu bleiben, so dass Susanne ganz schnell wieder in ihr altes Muster – Ziehen links – verfiel. „He Susanne, lächeln ist das Wichtigste bei der ganzen Geschichte“ rief ich ihr vergnügt zu, „hab ich vergessen zu erwähnen!“. Ich ging zu den beiden, die bereits an der nächsten langen Seite angekommen waren und stellte mich an Sams linke Schulter. „Gibst du mir einmal deine Zügel? Oder ist dir das unangenehm?“ „Ach Quatsch“, Susanne grinste und warf mir die Zügel hin. Ich nahm sie auf und ging die einzelnen Schritte noch einmal mit ihr durch während ich Sam in der klassisch-barocken Form der Handarbeit einrahmte. Susanne sollte den Motor in Gang halten, ich übernahm die Lenkung. 

Es klappte überraschend gut und Susanne rief erstaunt aus, dass er von oben ganz anders aussah als sonst. Wir stellten fest, dass der gerade Hals von Sam für Susanne jetzt gar nicht mehr so gerade wie vorher aussah. Das passiert sehr oft, wenn die Mähne des Pferdes z.B. nach links fällt, sieht die linke Halsseite fülliger aus und der Reiter übersieht die zu starke Ganaschenstellung. Wir versuchten nun das Schulterherein noch einige Male auf diese Art und Weise, zwischendurch nahm Susanne die Zügel wieder auf, sobald Sam aber zur Bande driftete, half ich den beiden weiter. „So Susanne, nun lass uns doch noch einmal das rechte Schulterherein ansehen. Hier hast du das genaue Gegenteil von eben beziehungsweise die gleiche Disbalance, nämlich Sams Vorliebe die rechte Schulter zu belasten.“ Susanne aber schüttelte energisch ihre Lockenpracht, „nein Sabine, jetzt muss ich erst mal die grüne Lampe wieder anschalten, der schläft mir sonst ein!“ Sprach’s und mit ihrem üblichen Körpereinsatz schaltete Sam von Schritt auf Trab um mit seinem lauten Atemzügen die Halle zu füllen.

Lengde, im Jahre 2013