Feines Reiten
nach klassisch-barocken Grundsätzen im Sinne der Pferdegesundheit

Sarka - Glückliche Rückkehr

Sobald es dunkel geworden war, wurde die alte Stute unruhig. Sie schlug mit ihrem Schweif heftig von einer Seite zur anderen, trat mit einem Hinterbein unter ihren unförmig runden Bauch und machte Anstalten sich hinzulegen. Die anderen Stuten machten teils bereitwillig, teils mit angelegten Ohren Platz in der engen Laufbox. Endlich fand die alte Stute eine halbwegs angenehme Stelle in der miefigen Einstreu aus Stroh, harten Grasstrengeln und Pferdekot. Sie hatte schon viele Fohlen hier zur Welt gebracht und wird auch bei diesem instinktiv alles richtig machen. Nach einigen kurzen Preßwehen erschien erst ein, dann das zweite Hüfchen, eingehüllt in die schützende Welt, in der das kleine Wesen in den letzten 11 Monaten lebte. Dann folgte das lange dunkle Köpfchen und kurz darauf war der anstrengende Teil der Geburt schon vorbei. Aus der alten Stute flutschte eine sorgsam gebündelte schleimige Masse aus Haut, Fleisch und Knochen, die ihr mit dem doch schon gewaltigen Gewicht in den letzten Wochen sehr zu schaffen gemacht hat. Erschöpft von den Anstrengungen blieb sie noch eine kleine Weile liegen, schon bei dem letzten Fohlen, vor diesem hier, war sie sehr sehr müde gewesen. Schließlich rappelte sie sich pflichtbewusst auf, erhob sich mühevoll auf die Vorderhufe um mit Schwung und den alten schmerzenden Hinterbeinen ihren großen Körper vom Boden zu stemmen. Dabei riß die Nabelschnur wie von der Natur vorgesehen und das Neugeborene begann zu atmen. Die alte Stute begann die schützenden Eihüllen vom Köpfchen des Kleinen zu beißen und zu lecken, so dass die kleinen Nüstern frei und ungehindert ihren Dienst tun konnten.

Ein seltsames, aber bekanntes Gefühl durchströmte die Alte während sie den Körper ihres Fohlens abschleckte und massierte. Sie vergaß die anderen Pferde, die sich teils neugierig, teils abweisend verhielten und tauchte ein in eine zufriedene Welt der Zweisamkeit. Ein kleines schwaches Geräusch, weit einem Wiehern entfernt, ertönte aus Richtung des auf dem Boden liegenden Köpfchens und sie schob leise grummelnd ihr Maul zu der weichen runden Stirn. Das Geräusch wiederholte sich und sie antwortete erneut. Zwei der älteren Stuten, die weiter entfernt standen, wieherten nun. Auch die jüngeren, neugierigen, die näher standen, begannen zu wiehern und zu schnauben. Eine Zweijährige wagte sich sehr nahe an das Kleine heran und wurde mit einer barschen Geste der Alten zurückgewiesen. Erschrocken floh sie rückwärts in die übrige Gruppe hinein, kaum eines der Pferde konnte Platz machen, denn es war sehr eng in der Laufbox. 

In der Zwischenzeit machte das von der Eihülle befreite und fast völlig trockengeleckte Wesen, welches einem Fohlen, das man von Bildern kennt, schon sehr ähnlich sah, Anstalten aufzustehen. Anders als das letzte Fohlen, welches ständig umknickte und wieder hinfiel und lange Zeit brauchte sich auszubalancieren, war dieses kleine Stütchen schon sehr geschickt.

Nach zwei kurzen Versuchen kniete es bereits auf den Vorderbeinen und stemmte die Hinterbeine mit dem kleinen Hinterteil hoch in die Luft. Unter Aufbietung aller Kräfte und eifrig mit dem kurzen Stummelschweif wedelnd gelang es ihr endlich sich auch mit den Vorderbeinen hochzustemmen. Da stand sie nun, die kleine Pracht, langsam hin- und herschwankend auf ihren ewig langen Beinen, zusammengehalten von großen Gelenken. Der zierliche dennoch erstaunlich kräftig aussehende Körper war umgeben von weichem zartem Fell, hellbraun. Der kurze Hals konnte den kleinen Kopf mit der langen Nase kaum tragen, zuckend, wackelnd hielt er stand und  half der Hilflosigkeit Einhalt zu gebieten. Die alte Stute sah sich einmal stolz in der Runde um, als wollte sie alle herausfordern: Das ist meins, hütet Euch ihr zu nahe zu kommen! Anschließend knuffte und leckte sie das Hinterteil des kleinen Stütchens und stellte sich parallel zu ihr auf. Aber die Kleine brauchte keine Hilfe das Euter zu finden, sie zitterte mit dem Köpfchen, reckte das Näschen in die Luft und torkelte noch zwei Schritte auf die Alte zu. Dort fand sie nach einigen suchenden und immer heftiger werdenden Nasenstupsern die Zitze unter der Bauchdecke und begann schließlich die wertvolle Milch zu trinken. Beruhigt und ermattet stand die alte Stute neben ihr, ließ den Kopf hängen, schloss leicht die Augen und genoss das Gefühl der Befreiung. Kurze Zeit später erschien die Nachgeburt als ein blutiger schleimiger Klumpen und wurde achtlos in die ohnehin unsaubere Einstreu getreten.

Gegen Mittag des darauffolgenden Tages erschien ein kräftiger rotgesichtiger Mann in dem Stall. Die Pferde wieherten, es wurde unruhig in der Menge. Der Mann griff zu einer hölzernen Heugabel und begann damit aus einem Haufen dunkelbraunen Heus einzelne Portionen zu ziehen. Drei Pferde standen bereits vorn am Absperrgitter, welches die Laufbox von der Stalleingangstür trennte, und versuchten mit angelegten Ohren ihre Posten gegen die herandrängenden Leiber zu verteidigen. Die Heuportionen wurden über das Absperrgitter geworfen, dabei regnete es schimmelig weißen Staub auf die Mähnen. In der Pferdemenge brach Futterneid aus, es wurde gebissen und getreten, um an das wenige Heu zu gelangen. Trotz der muffigen Enge gab es keine Verletzungen oder Bisswunden. Dann nahm der Mann den Wasserschlauch, der von der spinnennetzverwobenen Decke hing, und begann die im tiefen Mist eingegrabene verbeulte Zinkwanne mit Wasser zu füllen. Eine der jungen Stuten soff sofort gierig das wenige Wasser, welches aus dem Schlauch in die Wanne tröpfelte. Der Mann, er hieß Dalek, hielt den Schlauch weiter in die Wanne und ließ dabei seinen Blick über die Pferde schweifen, die alle isabellfarben in den verschiedensten Farbtönungen waren. Plötzlich entdeckte er die alte Stute, die in einer der hinteren Ecke stand und ihr am Boden schlafendes Fohlen bewachte. Er grinste und entblößte dabei zwei unregelmäßige Reihen gelbblich-brauner Zahnstummel. „Volltreffer!“ dachte er laut, „das erste Fohlen in diesem Jahr!“ Er warf den Schlauch weg, so dass die Wanne in kurzer Zeit von der jungen Stute wieder leergetrunken war und rannte aus dem Stall. Er hatte dem Hengsthalter, seinem Nachbarn Brožik versprochen ihn sofort zu rufen, wenn es so weit war. Der Alte wird bestimmt eine Runde Pivo in der Stube ausgeben und beim Bierausschank ließ der sich noch nie lumpen, wenn es etwas zu feiern gab. Dalek gab sich nicht die Mühe die aufgerissene Stalltür wieder zu schließen, dazu war er zu sehr in Hochstimmung, seine Gedanken kreisten um das goldene Bier. Eilig lief er die verträumte tschechische Dorfstraße zum Haus des grobschlächtigen Hengsthalters, der mit ihm zusammen von der Pferdevermehrung und -verkauf lebte. 

Nur wenige Häuser standen entlang der Straße inmitten einer menschenleeren Brache von Wiesen und Ackerflächen, ganz in der Nähe von Bohatice. Bohatice, das große Zentrum der tschechischen Pferdezucht liegt in Okres Ceska Lipa zu Deutsch Bezirk Böhmisch Leipa, im Norden der Tschechischen Republik, südlich des Lausitzer Gebirges. Dort hat Brožik seinen prächtigen Schimmelhengst, einen Abkömmling der kladrubischen Zuchtlinien, vor fünf Jahren auf dubiose Art und Weise erstanden. Mit diesem Hengst und Daleks isabellfarbenen Stuten haben die beiden ihre selbsternannte Farbzucht „Kinski“ begründet, die jedoch wenig oder auch gar nichts mit der weltberühmten Kinsky-Zucht des böhmischen Grafen aus dem Jahre 1836 zu tun hatte. Dalek sammelte seine Stuten bei verarmten Bauern aus Scheunen und Wiesen zusammen, Zuchtpapiere für die meist abgemagerten Tiere gab es nicht. Sie beide haben schnell erkannt, dass man durch den Pferdehandel vor allem im benachbarten Deutschland gut zu Geld kommen kann, am besten jedoch mit farbigen Pferden. Alles, was bunt, gescheckt oder auffällig gefärbt war, stand derzeit voll in Mode. Auf traditionelle Zuchtmerkmale wie Ausdauer, Exterieur, Gesundheit legten die Kunden, meist Freizeitreiter, und vor allem Dalek und Brožik keinen Wert. Sie investierten wenig in die Aufzucht der Tiere und verkauften mit viel Gewinn an Händler oder direkt an deutsche Pferdeliebhaber. 

Atemlos erreichte Dalek Brožiks windschiefes Häuschen, welches direkt an das Stallgebäude grenzte, in dem der seit Wochen ohne Auslauf eingesperrte Schimmelhengst schon gegen die Wände polterte. Sicherlich lag Brožik noch im Bett, sie waren gestern erst spät von einer nächtlichen Sauftour nach Hause getorkelt. Dalek stolperte über dessen große Gummistiefel, als er die Haustür aufriss und „Brožik!“ in den Flur brüllte. „Das erste Fohlen ist da, ein Farbiger, komm wir schauen nach ob Hengst oder Stute!“ Brožik stand schon mit seiner Arbeitshose und Hosenträgern über dem schmuddeligen Hemd in der Küche. Auch er grinste und strich sich über den fetten Leib. „Gute Zeit ist das. Alle Fohlen werden verkauft werden, zwei deutsche Pferdehändler haben schon angefragt. Jaja, ich komme ja schon!“. Etwas unbeholfen zog er sich seine Stiefel an, von denen der linke eine kaputte Sohle hatte. Er stöhnte dabei, sein Schädel brummte noch vom Saufgelage. „Hör auf zu treten, Gaul!“ brüllte er, als sie auf den Hof traten, „sonst kriegste heute gar nix zu fressen!“ Unbeeindruckt trat der Hengst weiter gegen die Wände, jetzt noch stärker, weil er die Stimme seines Herren hörte. Sehen konnte er nicht viel, der Stall hatte keine Fenster und die Tür war fest verschlossen. Er hatte Hunger und Durst, die Futterzeiten waren hier auf dem Dorf eher unbestimmt. 

Zusammen stiefelten die beiden die Dorfstraße hinunter zum Hof von Dalek. Dalek hatte das ehemalige landwirtschaftliche Anwesen von seinen Eltern, diese wiederum von ihren Großeltern geerbt. Sein Hang zum Alkohol jedoch machte den Verkauf des größten Teils des Anwesens nötig. Geblieben sind ihm das kleine Haus des Melkers sowie der angrenzende ehemalige Kuhstall. Hinter dem Stall besaß er noch einige Hektar Wiese, durch die sich ein kleines Flüsschen schlängelte. In Regen- oder Schmelzzeiten jedoch stieg das Flüsschen rapide an und setzte seine Wiesen häufig unter Wasser. So konnte er von Glück sprechen, wenn die Heuernte einmal gut ausfiel und das Heu nicht schon im Oktober schimmelte. Aber im Grunde genommen war ihm das egal, er hatte sein Auskommen und seine Pferde blieben eh nicht lange. Aufgrund der mageren und unregelmäßigen Fütterung konnte sich kein Pferd bei ihm lange gesund halten, daher wurden auch die meisten „Zuchtstuten“ früh verkauft. Brožik und er fanden auf ihren Touren durch die Tschechei immer wieder farbige Stuten bei Bauern, die sie zu Niedrigstpreisen erstanden. Und Brožik hatte ein Händchen für gefälschte Papiere, geraspelte Zähne und körperlichen Besonderheiten… 

Die Stute befand sich immer noch in der hinteren Ecke als sie den Stall betraten. Das Fohlen stand neben ihr und trank gierig am Euter, immer wieder stupste es gegen die Bauchdecke, damit Milch nachfloss. Die Stute zog die Flanken hoch, damit die Kleine mehr Platz hatte. „Mensch, Dalek, das ist ja ein hübscher Kerl, gut gemacht!“ Mit diesen Worten kletterte Brožik durch die Gitterstäbe und bahnte sich einen Weg durch die Pferdeleiber, die auf der Suche nach den letzten Heustängeln ihre Mäuler über den unhygienischen Boden wandern liessen. Dalek folgte ihm und griff professionell das Fohlen vorn um den Hals und hinten um die Pobacken um es zu halten, während sein Kumpel es abtastete und begsabinechtete. „Hmmm, eine kleine Stute, sehr schön. Die bleibt hier für die nächste Generation, sehr stramm gebautes Pferdchen geworden, elegant aber kräftig, Name wird Sarka sein. Denen musst du aber mehr Futter geben, wenn die anderen Fohlen jetzt noch kommen. Sonst kauft uns die keiner ab, schau dir mal die Alte an, da kannste Klavier auf den Rippen spielen.“ 

Im Laufe der nächsten drei Wochen kamen vier weitere Fohlen auf die Welt und begannen ihr Leben in der engen Laufbox inmitten sechs ausgewachsener Stuten. Auch wenn die ammoniakhaltige Luft ein wenig in den Atemwegen brannte, so war doch der Boden herrlich warm. Die Fohlen lernten, dass das Liegen auf frischen Pferdeäpfeln noch wärmer war, wenn man etwas von dem Boxenbelag darüberkratzte, so erhielt man ein wunderschön weiches Polster, welches gegen die steinige Kälte im Stall schützte. Sie tobten trotz der Enge der Box um ihre Mütter und Tanten herum, die mit einer Seelenruhe das wenige Futter vom Boden nahmen und glücklich über ihre Fohlen waren. Angst war genauso ein Fremdwort wie Frischluft oder Sonne, Wiese oder Regen oder menschlicher Kontakt, mit Ausnahme der meist täglichen Futter- und Wassergabe. Ab und zu zerrte Dalek eine der älteren Stuten heraus und ritt mit ihr die Dorfstraße herunter. Es war eine sehr ruhige Aufzucht der kleinen Pferdekinder, friedlich, eng, wenig nahrhaft, stinkend und ungesund. 

Etwa fünf Monate später kam ein Lastwagen auf den Hof gefahren und zwei fremde Männer gingen mit Dalek in den Stall. „Die Alte dort drüben und die Alte neben der Tür nehmen wir“, Dalek wies in die Richtung der beiden angesprochenen Stuten. Schnell halfterten die beiden Männer die Stuten auf, Dalek öffnete die Tür, sie wurden herausgeführt und die Tür schloss sich wieder. Man hörte noch ein heftiges Gepoltere, das Starten des Motors und fort war der Lkw und mit ihm auch Sarkas Mutter. Währenddessen galoppierten zwei Fohlen weltvergessen kleine Kreise um die im siffigen Boden eingesunkene Zinkwanne herum. Nachdem Sarkas Spielgefährte zu seiner Mutter gerufen wurde, meldete sich auch ihr knurrender Magen. Suchend sah sie sich nach ihrer alten Mutter um, sie reckte ihre kleinen Nüstern in die Luft und wieherte leise, dann immer lauter. Als sie keine Antwort bekam begann sie zu schreien und voll Verzweiflung umherzutoben, während die anderen Stuten sie nur verständnislos ansahen und gelegentlich die Ohren anlegten, wenn sie ihnen zu nahe kam. Sarkas Angst steigerte sich langsam zur Panik. Verlustängste, Leere, Hunger, Gefühle die sie bisher nicht gekannt hat, kamen in Wellen und immer heftiger werdenden Schüben auf.

Drei Jahre später und vierhundert Kilometer entfernt in Bornum, einem deutschen Dorf im nördlichen Vorland des Harzer Mittelgebirges rieb sich Conny an einem Sommervormittag die Augen, während sie über ihrer Facharbeit zum Trainerschein für die Basisausbildung von Reitern und Pferden saß. Schon seit Tagen kam sie nicht mehr aus dem Haus, nachdem mit der Post eine Aufforderung des Pferdesportverbandes ins Haus geflattert war nun bald ihre Arbeit zur Begsabinechtung einzureichen. Ehrgeizig wie sie war hatte sie sich vorgenommen eine hervorragende Abhandlung über farbige Pferde im Reitpferdeeinsatz zu schreiben. Sie sah wertvolle therapeutische Ansätze darin, neben guten reiterlichen Eigenschaften auch farblich schöne Pferde für den lernenden Reiter einzusetzen. Müde scrollte sie sich zum -zigsten Mal durch verschiedene Einträge in Foren, in denen Farbpferdebesitzer von ihren Erfahrungen im Umgang und in der Ausbildung ihrer Lieblinge teilweise langatmige Abhandlungen eingestellt hatten. Conny reizte es immer mehr ihren Reitbetrieb um einige bunte Pferde zu bereichern und sparte schon seit längerer Zeit auf dieses Ziel hin. Wieder klickte sie unbewußt auf eine ihrer offenen Registerseiten einer bekannten Plattform für Pferdehandel, in der ein Bericht über die alte tschechische Farbzucht der Kinskys eingestellt war. Traumhaft schöne Bilder von falb- und palominofarbenen Pferden, genannt Isabells, beherrschten die Einträge. Zum wiederholten Male las sie den Text, den sie inzwischen auswendig kannte. 

Dann schweifte ihr Blick über den Laptop in den sonnenbeschienenen Garten ihres hübschen Bauernhauses. Gleich neben der mit Blumenranken bewachsenen Terrasse und den dunkelbraun gestrichenen schweren Holzbänken hatten sie und ihr Mann vorletztes Jahr die Paddockboxen gebaut. Großzügige Abmessungen der Innen- und Außenställe, stabile verzinkte Abtrennungen zwischen den einzelnen Abteilungen sowie ein langes Vordach boten ihren Pferden einen schönen Aufenthalt und Ruhepausen zwischen den einzelnen Unterrichten. Sie dankten es ihr indem sie ruhig und pflichtbewusst die Trainingseinheiten mit verschiedenen Reitschülern absolvierten, die auf dem hellen Reitplatz oder in der kleinen dunklen Scheune, die zur Reithalle umfunktioniert wurde, stattfanden. Seitdem sie denken konnte umgaben Pferde und Pferdemenschen ihr Leben. Vater, Mutter sowie die Großeltern hielten und züchteten Pferde und Conny saß schon früh im Sattel. Geprägt durch die Reitvorschrift H.Dv.12  erhielt sie vom Großvater, dem ehemaligen Hauptfeldwebel Petermann, einen konservativen Reitunterricht in klaren durchschaubaren Strukturen, in dem Fragen oder Widerworte weder vom Reitschüler noch vom Pferd nicht erwünscht und bei korrekter Ausführung und Kreuzeinsatz auch nicht nötig waren.

Sie zwang sich ihre Gedanken wieder der Facharbeit zuzuwenden und schrieb einige letzte Absätze um sie morgen noch einmal gründlich durchzulesen und dann spätestens Mittwoch bei der Post aufzugeben, die in der kleinen Bäckerei auf der Hauptstraße eingemietet war und früh öffnete um genauso zeitig wieder zu schließen. Mit einem schnellen Blick auf die Uhr griff sie zum Telefonhörer um die Landesreitschule in Stendal über ihre Ankunftszeit am Freitag zu unterrichten und gleichzeitig ein Schulpferd zu ordern. Nachdem sie sich gestern einen kleinen Parcours für das Springtraining aufgebaut und sich noch über die neu gestrichenen Holzstangen, die in der Sonne leuchteten, so gefreut hatte, kam ihre Stute beim Sprung über einen kleinen Oxer so unglücklich auf, dass sie sich eine heftige Zerrung im linken Vorderbein zuzog und somit als Prüfungspferd für ihren Trainerschein am Wochenende ausfallen mußte. 

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, fiel ihr Blick wieder auf die Internetseite mit den Kinskys. Sie klickte sich weiter durch die Links und fand sich auf der Seite eines Pferdehändlers wieder, der mit schönen Pferde dieser Linie warb, die man direkt aus der Tschechei zu günstigen Konditionen erwerben konnte. Conny traute ihren Augen kaum, als sie die Bilder der eingestellten Verkaufspferde mit den dazugehörigen Preisangaben sah. Fünf Stuten, alle im Alter zwischen drei und fünf Jahren, eingeritten und eingefahren für wenig Geld und auf Verhandlungsbasis, die Textbeschreibung jedoch in einem schlechten Deutsch. Da musste sie unbedingt anfragen. Schnell entwarf sie einen einfachen Text, in dem sie um weitere Informationen bat, und schickte ihn über das Kontaktformular an den Verkäufer, in der Hoffnung dass dieser mit seinen scheinbar mageren Deutschkenntnissen ihr nähere Einzelheiten mitteilen konnte. Mit einem aufgeregten Herzklopfen verließ sie ihr Büro um im Stall alles für die anstehenden Reitunterrichte vorzubereiten. 

„He, Conny, wir machen jetzt schon zum dritten Mal Schulternkreisen. Du bist heute aber unkonzentriert“ lachte die kleine pummelige Reiterin vom Pferd herunter. Conny schrak auf und stellte über die Longe wieder Verbindung zu ihrem alten Sitzschulpferd Mona her. Sie schaute die dunkelblonde Frau in der knallroten Reithose mit einem schiefen Grinsen an. „Ach Susanne, das tut mir echt leid. Ich werde mich jetzt besser auf deinen Unterricht einstellen. Wir üben wieder die Hüftmühle., die wir das letzte Mal neu erlernt haben. Du erinnerst dich? Du stellst dir deine innere Hüfte vor wie ein großes Mühlenrad, welches Monas Trabbewegung auffangen soll, okay?“ „Dazu musst du Mona aber auch traben lassen, Conny. Du hattest mir ja untersagt ihr mit meinen eigenen Hilfen Kommandos zu geben um sie nicht zu irritieren!“ Conny ärgerte sich so sehr über ihre eigene Konzentrationsschwäche, dass sie aufgrund einer viel zu starken Peitschenhilfe ihr sensibles Longenpferd anstatt in den Trab in den Galopp schickte.

Die Reiterin griff mit beiden Händen ungeschickt in den vorn am Sattel angebrachten Sicherheitsriemen und schrie kurz auf. „Huh, ist das Galopp? Ohje, ist das schaukelig!“ Ihr runder Po hob einige Male über den Sattel ab und kam mit einem Plumps zurück. Conny riß sich zusammen und gab über ein ruhiges Ausatmen und ein leises „Schschsch“ der Stute das Kommando zum Schritt. „Hey, das war klasse, aber sag mir doch nächstes Mal Bescheid, Conny, ja?“ Etwas kurzatmig und mit roten Wangen grinste die Reiterin schief vom Pferd herunter. „Magst Du mir erzählen, was dich so bedrückt?“ Conny liess Mona mit einem leisen „Pssst“ anhalten, worauf die brave alte Stute sanft aber umgehend anhielt und sofort danach mit beiden Beinpaaren perfekt heranschloss. Die Reiterin tätschelte noch einmal liebevoll Monas Hals und verließ den Sattel indem sie ihr rechtes Bein noch recht ungeschickt über den Pferderücken schwang. „Komm schon, ich bin deine Freundin, erzähl!“ forderte sie Conny nochmals auf und löste den Sattelgurt um einige Löcher. Conny trat heran und begann die Ausbinder zu entfernen, die Monas Maul mit dem Sattelgurt verbanden und so für einen gewichtsaufnehmenden Spannungsbogen im Pferdekörper sorgen sollen, den der lernende Reiter erst später in der Lage sein wird, aufzubauen. „Weißt du, ich habe eben mit einem Verkäufer in der Tschechei Kontakt aufgenommen, der Kinskys verkauft. Ich sage dir, zu einem Spottpreis, fünf Stuten, alles wunderschöne Isabellen. Und angeblich sogar geritten und gefahren! Das ist genau der Betrag, den ich mir angespart habe, um noch ein paar Schulpferde zu kaufen. Und dann diese wunderschönen Farben!“ schwärmte Conny und blickte Susanne aufgeregt an. „Ich bin so gespannt auf die Antwort.“ Susanne nickte verständnisvoll und ging um Mona herum um den zweiten Steigbügel sorgfältig am Bügelriemen hochzuschieben und zu sichern. „Ja, das verstehe ich gut, dein Traum würde in Erfüllung gehen. Komm, wir bringen Mona zurück und du lädst mich auf deiner Blumenterrasse zu einem Kaffee ein. Dann kannst du mir noch mehr erzählen“. 

Endlich waren die Reitunterrichte beendet, die Sonne stand bereits tief und Connys Mann Michael hatte die Abendfütterung vorbereitet. Sie war ihm unendlich dankbar, dass er trotz seines langen Arbeitstages in einer Braunschweiger Rechtsanwaltskanzlei sie auf dem Hof so sehr unterstützte. Sie sah ihn im Nachbarsgarten mit seinem Kumpel Klaus zusammensitzen und ein Bier trinken, ihr Gelächter schallte zu Conny herüber. Eigentlich wäre sie zu ihnen gegangen und hätte der Einladung zu einem kühlen Bierchen, die sicherlich erfolgt wäre, gerne angenommen, aber der Gedanke an den tschechischen Verkäufer und die Kinskys hatte sie den ganzen Nachmittag nicht losgelassen. So winkte sie kurz zu den beiden herüber, öffnete die Haustür und ging durch den kühlen Flur in ihr Büro um zu sehen ob die ersehnte Antwort elektronischen Briefkasten lag. „Hallo Frau. Unsere Stuten alle brav und gesund  und schön reiten. Auch fahren Kutsche mit vier Pferde zusammen. Zwei haben drei Jahre, zwei haben zwei Jahre und eine hat fünf Jahre, die gestern Fohlen gehabt. Viele Menschen wollen kaufen unsere Pferde. Du kommst morgen und wir geben dir alle gegen 10.000 Euro. Du können auch haben den Sattel. Conny musste trotz ihrer Aufregung über den Text grinsen. „Du können auch haben den Sattel.“ murmelte sie vor sich hin, während sie schon den Antworttext schrieb: Hallo! Bitte schreiben Sie mir doch einmal Ihre Adresse auf, damit ich die Kilometer zu Ihnen berechnen kann. Sind die Pferde geimpft und entwurmt? Haben sie Papiere und einen Pass? Sind sie schon einmal verladen worden? Conny schaute sich bei google maps noch einmal die auf der Verkaufsplattform angegebene Adresse an: Bohatice, das waren mindestens viereinhalb Stunden Fahrt, das hieß einen ganzen Tag im Auto verbringen. Und das ausgerechnet jetzt, wo die anstehende Trainerausbildung am Wochenende anstand. Aber wenn die Pferde tatsächlich anderweitig verkauft würden? Conny wußte nicht so recht, wie sie sich entscheiden sollte. Sie konnte ja nicht einfach morgen mit drei Pferdehängern losfahren. Und einen Transporteur beauftragen ohne vorher die Pferde angesehen zu haben kam auch nicht in Frage. Also musste sie erst einmal allein dorthin fahren, die Pferde ansehen und anschließend entscheiden wie der Transport nach Bornum stattfinden könnte. Der Posteingang blinkte, die Antwort des Verkäufers war eingetroffen. Ja, die Pferde geimpft und entwurmt. Ja Papiere und einen Pass. Ja sie schon einmal verladen worden. Dann folgte die genaue Adresse und die Aufforderung morgen oder spätestens übermorgen die Pferde anzusehen, ansonsten würden sie einzeln verkauft werden. Ich werde Mittwoch gegen 15 Uhr bei Ihnen sein  schrieb sie zurück. Wenn sie mir gefallen gebe ich Ihnen eine Anzahlung und hole die Pferde dann später ab. 

Ihr Mann Michael kannte Conny lange genug und war nicht allzu sehr überrascht als sie zum Abendbrot mit ihrem Plan herausrückte. Die beiden saßen bei einem herrlichen Sonnenuntergang mit einem Glas Wein auf ihrer Terrasse. „Du Michael, ich möchte am Mittwoch in die Tschechei fahren und mir einige Kinskys ansehen. Sie werden total günstig verkauft und sehen einfach nur fabelhaft aus. Wenn die sich einigermassen für den Betrieb lohnen möchte ich sie mir gern kaufen.“ Michael nippte an seinem Weinglas und schaute sie über den Rand hinweg amüsiert an. „Da du alles schon geplant hast werde ich natürlich zustimmen. Müssen noch Boxen gebaut werden? Stuten oder Wallache? Fährst du allein? Denk dran, noch vorher das Öl zu kontrollieren, der alte Wagen wird eine Menge verbrauchen auf der langen Strecke“ Conny war froh, dass Michael so unkompliziert war und auch diese, wie viele ihrer häufigen Pferdeeskapaden nicht mit Vorwürfen kommentierte wie es der Mann ihrer Schwester allzu gern tat. Michael verließ sich darauf, dass sie wusste was sie tat. Und der Reitbetrieb stand nun einmal in allem was sie tat im Vordergrund. Sie beugte sich zu ihm herüber, küsste ihn auf die Wange und legte kurz ihren Kopf auf seine Schulter. Dann besprachen sie die organisatorischen Dinge ihres Plans.

Begeistert hieb Brožik auf den alten Holztisch in der Küche, auf dem sein neues, bereits mit Fliegenkot verschmiertes aufgeklapptes Laptop  lag. „Dalek, sie kommt und will sich die Stuten ansehen. Am Mittwoch so schreibt sie. Komm, darauf trinken wir einen!“ Dalek griff schnell nach der Pivoflasche, zu der er schon die ganze Zeit verstohlen hingesehen hatte. Sie war noch voll, das hatte er schon beim Betreten der Küche gesehen. Aber Brožik war so abgelenkt mit seiner technischen Errungenschaft, dass er ihm bis jetzt nichts angeboten hatte. „Dalek, du fütterst am Mittwoch die Stute um drei Uhr, dann sind sie zufrieden und geben ein schönes zutrauliches Bild ab wenn die Frau kommt. Und stell den Transporter neben den Stall, vielleicht gibt sie dir ja den Auftrag die Viecher nach Deutschland zu bringen. Wo ist das eigentlich: Bornum, Braunschweig, Wolfenbüttel, aah… Das liegt auf halber Strecke zu unserer neuen Heimat. Mensch, Dalek, bald arbeiten wir in Deutschland!“ Von Brožiks Freund, dem ehemaligen Besitzer seines inzwischen an einer Viruserkrankung eingegangenen Kladruberhengstes, haben sie schon viel über das Leben in Deutschland gehört. Der geschickte Reiter war bereits vor Jahren nach Deutschland und nun nach Spanien ausgewandert, wo er einen schwungvollen Pferdehandel mit deutschen Käufern aufziehen wollte. Jedoch sprangen die Interessenten immer wieder ab, weil sie den aufwändigen Pferdetransport aus Spanien scheuten oder die Tiere aus finanziellen oder Zeitgründen nicht vor Ort ansehen konnten. Nun suchte er händeringend nach einem deutschen Partner, der die Pferde nach dem Transport aus Spanien annahm und direkt in Deutschland vermarktete. Und er besaß so spritzige muskulöse spanische Hengste in allen Farben mit südländischen Namen wie Tordo, Castaño, Negro auf seiner Hacienda.. Mit ihm als Partner wollten Brožik und Dalek nun ihr Glück in Deutschland suchen, nachdem sie mit dem neuen Notebook und den damit eingehenden ungeahnten Möglichkeiten bereits eine zu verpachtende Hofstelle in Isernlohn gefunden hatten. Sobald die Stuten hier alle verkauft waren wollten sie ihre Zelte abbrechen und nach Deutschland auswandern. Brožik war bereits eifrig dabei seine mageren Deutschkenntnisse zu verbessern. 

Conny fuhr langsam auf der staubigen Dorfstrasse der angegebenen Adresse entlang und blickte suchend aus dem Fenster. Ihr Navi gab schon vor fünfhundert Metern bekannt, dass das Ziel erreicht sei. Aber bis auf ein paar wenige verfallene Häuser, einigen Hühnern am Strassenrand und einem kläffenden struppigen Hund konnte sie keine Anzeichen von Pferdehaltung erkennen. Plötzlich sah sie fünfzig Meter entfernt einen Mann auf der Strasse stehen und heftig mit beiden Armen winken. Das war sicherlich ihre Verabredung, der Mann mit dem gebrochenen Deutsch, das Herz sprang ihr heftig klopfend bis zum Hals. Sie fuhr näher und die Gestalt auf der Strasse entpuppte sich als älterer Mann im schmuddeligen Hemd und in derben Stiefeln, die Hosenträger hielten die Hose knapp unter dem sehr  kräftigen Bauch. „Guten Tag Frau!“ schrie er durch das geschlossene Beifahrerfenster. „Hier bitte“ und zeigte auf eine versteckte Hofeinfahrt zu einem kleinen kopfsteingepflasterten Innenhof. Conny stellte den Wagen direkt an der Mauer zur Einfahrt ab, denn der Hof war komplett vollgestellt mit Waren aller Art. Alte Matratzen, verrostete Rohre, Holzbretter, die wohl einmal Türen waren und jetzt vor sich hingammelten, Eimer, Werkzeuge und vieles mehr Gerümpel, welches sorgfältig sortiert schien. Sie stieg aus und gab dem Mann, der sie mit stechenden Augen, die so gar nicht zu seiner sonstigen Gestalt passten, anstrahlte, die Hand. „Guten Tag, sind Sie Herr Brožik?“ Er nickte eifrig, gab ihr das Zeichen ihm zu folgen und watschelte durch eine Gasse, die man in dem Gerümpel frei gemacht hatte, voran zu einem braunen schief in den Angeln hängenden Holztor, das wohl zum Stall führte. 

Gerade als sie vor dem Tor standen wurde es durch einen zweiten Mann von innen knarrend geöffnet. Einen kurzen Moment brauchten ihre Augen sich an das Halbdunkel, das im Inneren des Stalles herrschte zu gewöhnen. Dann jedoch bot sich ihr ein Anblick, den sie in ihrem Leben nicht vergessen würde: In einem vielleicht zehn mal zehn Meter großen Raum ohne Fenster lagen friedlich und weltvergessen drei hellbraune Pferde auf dem festgestampften Lehmboden, der im hinteren Teil zu einem hohen Mistberg anwuchs. Zwei hatten ihr Kinn auf dem Boden aufgestützt und dösten, die dritte schaute zur Eingangstür. Zwei ebenso hellbraune Pferde mit weißen Mähnen und weißem Schweifhaar standen dicht neben den Liegenden, eine von beiden hob ihren wunderschön geschwungenen Hals und blickte Conny direkt mit sanften dunklen Augen unter einem Mähnenschopf aus langen Haaren an. Schlagartig wurde sie sich der Faszination des englischen Malers Hamiltons bewusst, die ihn dazu veranlasst haben musste, sein berühmtes Bild „Stutenherde im kaiserlichen Lipizza“ zu malen. Dieses herrliche Gemälde hatte sich Conny zum Lieblingsbild auserkoren und es hing mit Michaels Einverständnis in einer überdimensionalen Größe und einem antiken Rahmen an der Wohnzimmerwand über der Couchgarnitur. Schwere, aber leichtfüßige Körper, mit runden von vielen Geburten gesenkten Stutenbäuchen, dargestellt auf karger Landschaft in einer tänzelnden und weiblichen Schönheit teilweise mit und ohne Fohlen. 

Um Conny war es geschehen, sie konnte ihren Blick nicht von der eleganten blonden Erscheinung abwenden, deren Augen sie magisch anzogen. „Das sein Sarka, wunderbares Pferd, Frau! Du allein kaufen für fünftausend Euro.“ Der Dicke hopste um sie herum, als er ihren sehnsüchtigen Blick, mit der sie Sarka betrachtete, bemerkte. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie sich die abstoßende Enge und Dunkelheit des Stalles genauer ansah. Sie nahm den beißenden Geruch nach Ammoniak wahr, sie sah die schwarzen staubigen Spinnweben unter der Decke, von der auch ein dreckiger Wasserschlauch hing, der in einer verbeulten verrosteten Zinkwanne endete. Sie fragte sich, ob der verrottete Haufen neben der Zinkwanne Heu oder Mist war. Für sie stand in Sekundenbruchteilen fest, dass dies ihre Pferde waren, die sie sofort hier herausholen musste. „Frau, soll ich reiten Pferd? Du sehen, wie Stute mit Sattel läuft.“ Aufgeregt mit den Händen fuchtelnd brabbelte der Dicke sein holpriges Deutsch. Conny nickte, sie musste erst einmal ihre Gedanken beruhigen und wieder klar denken. Natürlich wäre es vernünftig sich die Pferde erst einmal draußen anzusehen, trotzdem plante sie schon den Transport und fragte sich, wie sie mit dem Verkäufer handeln konnte. Der zweite Mann ging bereits mit einem Halfter zu einer der liegenden Stuten und trat sie unfreundlich in die Seite. Bereitwillig stand sie langsam auf und ließ sich aufhalftern. Sie war groß, sicherlich über 1,70 Meter mit ihrem hohen Widerrist. Im Gegensatz zu den anderen Pferden hatte sie eine dunkle Mähne und einen ebenso dunklen Schweif, aber auch ihr Grundhaar war hellbraun, fast goldfarben. „Hier sein Nikola. Nikola haben fünf Jahre. Sie seeeehr gutes Reitpferd!“ Der Dicke warf einen zerrissenen alten Ledersattel auf die Stute, nachdem der zweite Mann sie durch ein Trenngitter geführt hatte, dessen Material Conny nicht erkennen konnte, so sehr strotzte es vor dicken Mistschichten. Die Stute stand ruhig zwischen den Männern und ließ die unsanfte Behandlung unbeweglich über sich ergehen. Bereitwillig öffnete sie das Maul, als der zweite Mann ihr ein Kopfstück mit einer viel zu großen Trense auflegte. Begeistert hüpfte der Dicke voran und Conny, der andere Mann und Nikola folgten in den vollgestellten Innenhof. Dort kletterte der Mann, der eben noch Nikola geführt hatte, auf eine Tonne und saß in Sekundenbruchteilen im Sattel, drückte der Stute seine Absätze in die Flanken und sie trabten durch die Gasse des vollgestellten Innenhofes auf die Straße. Dort bogen sie nach links ab und Conny musste sich beeilen ihnen zu folgen. Der Mann trabte mit Nikola die gerade Dorfstrasse entlang, die Zügel hingen mehr oder weniger durch, der Reiter saß sicher im Sattel und Nikola trabte in einem braven gleichmäßigen Tempo. Dabei lief sie von hinten so schief wie ein Hund und setzte die Hinterbeine links neben den Vorderbeinen vorbei. Conny erkannte jetzt die Verkaufsbilder aus dem Internetportal, die Straße, die Stute und auch den Reiter wieder. Plötzlich kehrte dieser um und hieb Nikola immer fester die Absätze in die Flanken bis sie angaloppierte und kurz vor ihnen mit einem kurzen scharfen Ruck über die Zügel anhielt. 

Der Reiter sprang herunter und der Dicke, der inzwischen hinter ihr stand, schnaufte begeistert „Du auch reiten?“ Nein, das wollte sie wirklich nicht. Sie war überzeugt, dass diese Pferde einen friedlichen freundlichen Charakter hatten aber die reiterliche Ausbildung ließ sicherlich noch zu wünschen übrig. Sie schüttelte den Kopf und alle gingen zurück zum Stall, der Dicke trippelte neben ihr her „Du mögen Pferde, sie alle sehr lieb! Du kannst alle haben für zehntausend Euro!“ Die zurückgebliebenen Pferde wieherten als sie Nikolas Hufgetrappel auf dem Innenhof hörten und standen inzwischen alle vorn am Trenngitter. Conny drehte sich zu dem dicken Mann um und sagte „Ja, ich würde gern alle fünf Pferde kaufen, aber zehntausend Euro sind zu viel. Ich dachte eigentlich sie wären besser ausgebildet. Ich gebe Ihnen fünftausend “ Der Mann starrte sie verständnislos an „Fünftausend Euro für diese wundervollen Pferde?“ Jammernd brabbelte er auf tschechisch weiter und pries sicherlich die Vorzüge seiner Tiere. Schließlich brach er ab und sagte auf deutsch: „Achttausendfünfhundert, nicht weniger! Und du holst sie morgen ab.“ „Gut, einverstanden“ sagte Conny, „aber ich kann sie frühestens Sonntag abholen. Denn ich habe bis Samstag einen wichtigen Termin in Stendal in Deutschland. Kennen Sie einen Transporteur, der die Pferde zu mir nach Hause bringen kann?“. Der Dicke grinste und zeigte auf den zweiten Mann, der Nikola inzwischen zu den anderen Stuten in den Stall gebracht hatte und gerade wieder herauskam. „Dalek sein Transporter, er haben Auto, da!“ und zeigte auf einen alten ungepflegten Lastwagen, bei dem es sich scheinbar tatsächlich um ein Pferdetransporter handelte und der auch ein Nummernschild besaß. „Du zahlen noch tausendfünfhundert Euro für Transport bis nach Hause für alle fünf Pferde.“ Conny schlug in die ausgestreckte schwielige Hand des dicken Mannes ein.

Michael schraubte das letzte Brett an die großzügige neu gebaute Laufbox an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Bald mussten die neuen Pferde auf dem Hof in Bornum ankommen, vor einer halben Stunde erhielt er eine SMS von Conny, dass sie bereits an Magdeburg vorbeifuhren. Sie war gleich nach ihrer Trainerprüfung in Stendal Samstag abend losgefahren und hatte in Bohatice in einer kleinen Pension übernachtet, das Aufladen ihrer neuen Pferde überwacht und den Transporter mit ihrem Auto begleitet. Michael hatte für diesen Aufwand wenig Verständnis, aber er wusste, dass Conny diese Verantwortung für ihre neuen Pferde niemals aus der Hand geben würde. Er trat zurück und schaute sich den Neubau noch einmal an, den er in Windeseile für die Neuzugänge erstellt hatte. Ein Teil der alten Scheune, die die Stallungen mit der kleinen Reithalle verband und als Lagerstätte für alle möglichen Geräte sowie als Sattelkammer diente, hatte er so abgetrennt, dass eine großzügige Laufbox entstand. Im hinteren Teil führte ein Tor direkt auf die großen Wiesen, die das Anwesen umgaben. Hier musste er nur noch ein Weidestück für die neuen Gäste abstecken, dann konnten sie einziehen. Er schaute auf die Uhr, seine neue hübsche Büroassistentin wollte noch ein Script vorbeibringen, welches er unterschreiben musste. Hoffentlich war dieser Pferdekram bald erledigt. Eine Stunde später hörte er ein Hupen und ging um die Scheune herum auf den Hof. Dort fuhren gerade Connys alter Pickup und ein heruntergekommender Pferdetransporter mit tschechischem Kennzeichen vor. Conny stellte ihren Wagen sorgfältig an der Hofseite ab ehe sie heraussprang und rief „Michael, wir sind da, alles ist gut gegangen. Stell dir vor, der Kerl hat nicht einmal Pause gemacht“ rief sie. Der Fahrer stieg aus dem Transporter, grüßte nickend und öffnete die Rampe, von der Mistklumpen herabfielen. Michael konnte in der Dunkelheit schemenhaft Pferdeköpfe erkennen. „Du voran mit Sarka, alle folgen“ schlug der Fahrer vor, während er sich schon an den Verriegelungen zu schaffen machte. Conny nickte und ging über die ausgetretene Rampe zu Sarka, nahm den alten Strick in die Hand und führte sie langsam die Rampe herunter. Mit dem ihr angeborenen Gefühl von Urvertrauen, welches sie trotz des frühen Verlusts ihrer Mutter in der Herde behalten hatte, folgte Sarka der selbstsicheren Conny in den Stall hinein, die anderen Stuten trotteten brav hinterher. 

Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, als Conny Sarka auf einem Kreisbogen führte, den sie sich auf dem Reitplatz mit einer Litze abgetrennt hatte. Ihr erstes Ziel, nachdem sie den Stuten einen Pausentag nach der langen Autofahrt gegönnt hatte, war ein ruhiges Antreten des Pferdes auf ein aufforderndes Schnalzen von ihr und ein Heben mit der Peitsche. Sarka war aufmerksam bei der Sache und erlernte innerhalb von wenigen Sekunden die gewünschte Lektion. Nun sollte sie anhalten: Conny schlenkerte leicht mit der Longe in Richtung des Kappzaumes, dessen Ringe leise klingelten. Sarka hob erschrocken den Kopf und blieb stehen. Conny ging zu ihr und lobte sie überschwänglich „Braaaves Mädchen, gut stehengeblieben!“, sie hob die Peitsche und Sarka ging brav vorwärts, währenddessen entfernte sich Conny wieder von ihr, begleitete Sarka aber auf Höhe ihrer Schultern. Wieder klingelte Conny leise über die Longe und in Erwartung eines weiteren Lobes wendete sich Sarka zu Conny und wollte zu ihr gehen. Conny schlenkerte heftiger mit der Longe, die Ringe schepperten, Sarka warf den Kopf hoch und blieb stehen. „Guuutes Mädchen“ murmelte Conny, blieb aber stehen und wartete, ob auch Sarka das Kommando verstanden hat und wirklich stehenblieb. Erst dann ging sie zu ihr hin, führte sie zurück auf den Kreisbogen und lobte wieder überschwänglich. 

Anschließend wiederholte sie den Ablauf und baute zusätzlich ein leise gezischtes „Pssst“ mit ein. Innerhalb kürzester Zeit verstand Sarka auf dieses Psst hin anzuhalten. Nach fünfzehn Minuten baute Conny bereits den Trab mit ein und auch hier arbeitete Sarka bereitwillig mit. Nach dreißig Minuten begannen die steifen Gelenke des Pferdes zu schmerzen, schließlich war sie in den drei Jahren ihres Lebens wenig bis gar keine Bewegung gewohnt. Die enge Laufbox bot wenig Gelegenheit das Zusammenspiel von Muskeln und Gelenken zu trainieren. Zusätzlich war auch der Rücken nach dem langen ungewohnten Transport fest und tat weh, schließlich hörte Sarka auf zu traben. „He, weiter, meine Liebe!“ Geschickt ließ Conny den Peitschenschlag in der Luft schnicken und Sarka setzte sich wieder bereitwillig in Trab. Am nächsten Tag begann Sarka die Longeneinheit steif und unwillig, Conny forderte konsequent die erlernten Lektionen und nach einiger Zeit lief die Stute wieder brav Runde um Runde auf dem Kreisbogen. Am nächsten Tag wollte Conny schon an Sarkas Selbsthaltung arbeiten, indem sie eine leichte Anlehnung mit weichen Paraden über die Longe aufbaute und in Verbindung mit der nachtreibenden Peitsche ein Auseinanderfallen des Pferdes und ein Erschlaffen der Muskulatur verhinderte. Dazu setzte sie Ausbindezügel ein, bevorzugt die mit den Gummiringen, weil hiermit das Pferd zu einer Anlehnung an das Gebiss gebracht werden sollte. Sie lehnte die in Mode gekommene Arbeit über den Kappzaum ohne jegliche Hilfszügel konsequent ab, das war alles neumoderner Schnickschnack. Schließlich hatte Conny schon viele Pferde erfolgreich an der Longe ausgebildet, die dann zu braven Reit- und Schulpferden wurden. Regelmäßig ritt sie die Pferde zur Korrektur nach, und durch die geschickt eingesetzte Arm- und Beinkraft und ihrem Reiterkreuz funktionierten ihre Pferde anschließend bis zum nächsten Korrekturberitt wieder gut. So konnten auch Menschen, die aufgrund Bewegungsmangels wenig Gefühl für ihren eigenen Körper besaßen, ohne weiteres auf ihren ausgebundenen Pferden an der Longe das Reiten erlernen und sie war sehr stolz auf ihre Leistungen. 

Langsam lernte Sarka sich auf beiden Händen auf dem abgetrennten Longierzirkel auszubalancieren. Geschickt tarnte sie die Probleme, die durch ihre steifen und untrainierten Gelenke entstanden, denn sie spürte die Zuneigung und Zufriedenheit, die Conny für sie beim gehorsamen Ausführen der Übungen empfand. Und so fügte sie sich Tag für Tag in ihr Schicksal und führte brav alle Lektionen aus. Jedoch wurde sie dabei immer gleichgültiger und bald schaltete sie wie früher in der dunklen reizlosen Monotonie der engen Laufbox ihren Geist einfach ab. Ihre Gänge wurden ausdrucksloser und ihre Reaktionsbereitschaft langsamer. Trotzdem lernte sie sich scheinbar immer besser auf beiden Händen gleichmäßig an der Longe zu bewegen. Conny fehlte der bewegungsanalytische Blick um bereits erste Taktstörungen in der Entstehungsphase durch die zu hohen Ansprüche an dieses Pferd zu erkennen. Erst als Sarka deutlich anfing auf einem ihrer Hinterbeine zu lahmen begann sie das Arbeitspensum herunter zu schrauben, indem sie die Trainingseinheiten auf anfangs sechzig Minuten auf  fünfundvierzig Minuten verringerte. Auch die mangelnde Kondition der Stute, worüber Conny sich doch sehr wunderte, schließlich wurde sie doch regelmäßig und gründlich gearbeitet, hatte sich verbessert und ihre Atmung kam nicht mehr gar so pressend und stossweise. Jedoch gab es bei allen Fortschritten ein großes Problem: Die Stute war nicht in der Lage im Rechtsgalopp anzuspringen. Conny zog alle Register was sie jemals gelernt hatte, um den Rechtsgalopp zu fordern, jedoch half alles nichts: auf der rechten Hand galoppierte Sarka ausschließlich in einem holprigen Kreuz- oder im Linksgalopp. Conny sah darin aber kein Problem, sondern gedachte auf reiterlichem Wege diesem Ungleichgewicht beizukommen.

Schon bald legte sie einen halbwegs passenden Sattel auf, den Sarka anstandslos akzeptierte und begann mit Aufsteigübungen, die ebenfalls regungslos zur Kenntnis genommen wurden. Durch Anbuffen mit den Fersen, wie sie es bei Nikola und Dalek gesehen hatte, trieb sie Sarka vorwärts in einen schwankenden Schritt. Sarkas Rücken fühlte sich fest und erstaunlich stark an. Nach ein paar Runden im Schritt jedoch begann von Conny unbemerkt Sarkas Rückenmuskulatur, die bis dahin standhaft das Reitergewicht trug, durchzuhängen und ein stechender Schmerz durchzuckte die Stute, woraufhin sie sofort stehenblieb. Conny trieb sie mit den Fersen wieder vorwärts und Sarka trat brav erneut an. Dies wiederholte sich noch einige Male. Jedoch ließ sich Conny durch diese Kleinigkeiten nicht beirren. Schon bald konnte sie durch den Einsatz von Kreuz und Schenkel, wie ihr Opa es ihr gründlich beigebracht hat, Sarka zu einem gleichmäßigen Schritt bewegen. Das Buffen der Fersen konnte sie mehr und mehr ablösen durch ein gleichmäßiges kräftiges Treiben mit ihren Unterschenkeln. Für diese Umstellung benötigte sie eine Gerte, die sie kurz und knapp, teilweise sehr deutlich an Sarkas Hinterbacken einsetzte. So erarbeitete sie durch ihre eigene Kraft und Energie eine Körperspannung in dem Pferd, die es der Stute ermöglichte sehr bald im Schritt und Trab mit einem durch die Zügelführung stark gerundeten Hals über den Reitplatz zu laufen. Der gerundete Hals war dringend notwendig, weil die Rückenmuskulatur des Pferdes nicht richtig arbeiten konnte. Sie hörte und las zwar immer häufiger von alternativen Ausbildungsmethoden, die lange Hälse und lockeres Tempo bevorzugten, aber das nahm sie nicht zur Kenntnis. Ein runder Hals und fleißige Hinterbeine, so hatte sie sich nach Opas zwar sorgfältiger, aber auch etwas länger dauernden Grundausbildung in den Landesreitschulen weiter entwickelt. Richte dein Pferd gerade und reite es vorwärts. Dieser berühmte Satz von Gustav Steinbrecht war ihr Leitgedanke, er ist auch heute noch aussagekräftig und es stecken ungeahnt viele Wahrheiten für jede Ausbildungsmethode darin. 

Sarka fügte sich und gewöhnte sich allmählich an den immer wiederkehrenden kurzen Schmerz im Rücken, der bald über die ganze Hinterhand ausstrahlte. Die Muskulatur um diesen Schmerz herum verhärtete sich langsam und ihr Körper baute eine Schonhaltung auf um den an sie gestellten Anforderungen nachzukommen. Bald konnte Conny Sarka und die anderen Stuten im Reitbetrieb einsetzen, der um ein Vielfaches angestiegen war nachdem sie mit ihren hübschen Kinskys in der Umgebung geworben hatte. Nur eines wollte Sarka nicht lernen: Den Rechtsgalopp. 

„Ach Mensch, du bist aber auch einfach zu zaghaft, komm lass mich das mal machen“ befahl Conny in einem strengen Tonfall, so dass alle anderen Reitschüler in der Reitbahn den Ärger mitbekamen. In ihre einst so fröhliche Stimme hatte sich im Laufe des letzten Jahres ein ärgerlicher Unterton eingeschlichen. Ihre Mundwinkel hingen immer öfter herab wie bei einer verbitterten alten Frau und ihre Augen blickten glanzlos. Ihr Mann Michael kam immer seltener vor Mitternacht nach Hause. Er sprach kaum noch mit ihr und wenn, dann gab es meist Streit. Es ging um Nichtigkeiten wie verkehrt ausgedrückte Zahnpastatuben, aber auch um wichtige Dinge wie Geld. „Los, mach schon“ forderte sie barsch die unglückliche Reitschülerin auf. Christina, eine jungpubertierende Dreizehnjährige stieg unwillig von ihrem geliebten Pferd und musste zusehen wie Conny mit kurzen knappen Schenkelhilfen, unterstützt von der Gerte, ihrem bekannt starken Kreuzeinsatz und wohldosierten häufigen Paraden ihr bis eben noch schlurfendes Traumpferd frisch und rund über den Reitplatz traben ließ. Christina mochte sich dies nicht länger mit ansehen, sie hielt es für Tierquälerei, wenn Conny sie aufforderte an den Zügeln zu ziehen und ihre Hacken in den Pferdebauch zu hauen, wenn Sarka wieder so schlurfte unter Christina. 

Sie lief weinend vom Reitplatz nach Hause und erzählte unter Tränen ihrer Mutter von der groben Behandlung des Pferdes und den verbalen Attacken durch Conny auf sie. Die Mutter tröstete ihre pausbäckige Tochter, deren abgöttisch geliebtes Gesicht von goldenen Locken umrahmt war und der sie mit Hingabe jeden Wunsch erfüllte. Gerade letzte Woche hat sie dem dritten wöchentlichen Besuch auf der benachbarten Reitanlage zugestimmt, weil Christina unbedingt bei ihrem Lieblingspferd Sarka sein wollte. Ihr ganzes Zimmer hing voll mit Postern von Pferden und überall lagen, standen, hingen Bilder mit ihr und Sarka, Sarka auf dem Hof, Sarka mit ihren Stallgenossinnen, Sarka auf der Weide, Sarka im Stall, jedes zweite Wort von Christina lautete Sarka. 

Die Mutter spielte schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken Christina dieses Pferd zu schenken. Nur hatte sie noch keine günstige Gelegenheit gefunden mit ihrem Mann darüber zu sprechen. Dieser kam nach einem langen Arbeitstag aus seiner eigenen Logistikfirma meist müde nach Hause und wollte nach Büro, Reparaturen, Überschreiten von Fahrtzeiten und anderen Fahrerproblemen nur noch ruhige belanglose Gespräche mit seiner Frau führen ohne organisatorische Leistungen zu vollbringen. Seine Spedition lief gut, sie hatten Geld im Überfluss und er stellte ihr ein großzügiges Haushaltsgeld zur Verfügung. Sie versorgte das wunderschöne Einfamilienhaus mit Keller, Garage und herrlichem Garten und hielt es blitzblank, ebenso sorgte sie für guten Kontakt zu den Nachbarn. Ihre gemeinsame Tochter Christina war eine glänzende Schülerin und sie fuhren zweimal im Jahr in den Urlaub. Nur dieses ständige Geheule von Christina in letzter Zeit ging ihr ziemlich auf die Nerven. Nicht, dass noch ihre schulischen Leistungen nachließen, was würden nur die Leute sagen. Sie erinnerte sich an ihre eigenen Pubertät vor vielen Jahren, in der auch sie wegen Nichtigkeiten in Tränen ausgebrochen war. Sicherlich konnte Christina in ihrer hingebungsvollen Liebe zu diesem Pferd nicht vertragen, dass auch Conny oder gar andere Reitschüler auf ihr ritten. Sie nahm sich vor heute noch mit ihrem Mann zu sprechen und den Vorschlag zu unterbreiten für Christina das Pferd zu kaufen, so dass wieder Ruhe in ihrer heilen Welt einkehrte. 

„Christina“ begann ihr Vater am sonntäglichen Frühstückstisch seinen Plan, „Deine Mutter hat mir von deinem Lieblingspferd in dem Reitstall erzählt. Du magst es sehr gerne, wie?“ und aus Christina brach es sofort heraus: die schöne Stute mit dem herrlich goldenen Fell, die lange blonde Mähne, der seidig glänzende Schweif, durch den die Sonnenstrahlen schienen wenn sie ihn sorgfältig gekämmt hatte und die sanften Lippen, die dunklen Augen, und und und. Keinem von beiden Eltern fiel auf, dass Christina nicht vom Reiten schwärmte. Sie nahmen es als selbstverständlich hin, dass das Reiten in dieser unglaublich großen Gefühlswelt eingebunden war. „Christina, du bist ja eine sehr gute Schülerin und ich hoffe sehr, dass das so bleibt. Meinst du, du kannst diese Leistungen mit der zusätzlichen Verantwortung für ein eigenes Pferd vereinbaren?“ Verständnislos sah Christina ihren Vater an. „Deine Mutter und ich wollen dir das Pferd schenken, wenn deine schulischen Leistungen nicht darunter leiden“ klärte er sie auf. Christina starrte ihren Vater noch einen Moment lang an, dann sprang sie auf wobei der Stuhl, auf dem sie eben noch gesessen hatte, mit einem lauten Poltern zu Boden fiel und umarmte erst ihren Vater dann die Mutter heftig und schluchzend. Zufrieden blickten die beiden sich über den Tisch hinweg an.

Conny kam das Angebot von Christinas Eltern sehr recht. Vorgestern war Michael nach kurzer Ankündigung aus ihrem gemeinsamen Haus ausgezogen. In einem Auto, das vor dem Hof parkte, saß eine fremde Frau und senkte scheu den Kopf als Conny zu ihr herübersah, nachdem Michael seine Koffer in seinem und dem fremden Auto verstaut hatte und sich von ihr kühl verabschiedete. Er wolle sie finanziell weiterhin unterstützen, so dass sie den Hof nicht verkaufen müsse, sagte er und es fehlte noch, dass er ihr auf die Schulter klopfte. „Du Saukerl!“ schimpfte sie, drehte sich um und verschwand wütend im Haus. Seitdem quälte sie sich mit den Gedanken wie das alles passieren konnte und wie es weitergehen sollte. Selbstverständlich wollte sie dem blöden Sack nicht auf der Tasche liegen, schließlich verdiente sie selbst genug mit ihren Unterrichten! Jedoch, wenn sie ehrlich war, die Versicherung, die Grundsteuer, die immensen Stromkosten – all das ganz allein zu tragen würde schwierig werden. Immer häufiger verschwand sie in diesen sorgenvollen Gedanken und absolvierte mehr schlecht als recht die Reitunterrichte, viele der Reitschüler kündigten nach und nach aus den verschiedensten Gründen. Auch ihre einstige Liebe Sarka konnte sie nicht mehr aufbauen, zu schwierig war das Training mit ihr geworden, zäh und mühsam kämpfte die Stute sich durch die von Conny wieder und wieder geforderten Lektionen. Ihre einstige Eleganz und Schönheit, die Conny so fasziniert hatten, waren verblaßt. So schlug sie freudestrahlend in die dargebotene Hand von Christinas Vater und verkaufte sie für eine stattliche Summe an die gut betuchten Nachbarsleute. Gleichzeitig vermietete sie eine der Paddockboxen für Sarka inklusive ganztägigem Weideaufenthalt in ihrer angestammten Herde und verabredete mindestens zweimal in der Woche einen Einzelunterricht für Christina. Sie fand, dass das ein guter Anfang für ihren neuen Lebensabschnitt ohne Michael war.

Jedoch waren die geplanten Einzelunterrichte gar nicht in Christinas Sinne und sobald der Kaufvertrag unterschrieben war, hatte sie ständig phantasievolle Ausreden von Kopfschmerzen über Menstruationsbeschwerden bis hin zu Knieproblemen parat warum es mit dem Unterricht nicht klappte. Sie putzte Sarka täglich hingebungsvoll und ging mit ihr spazieren, ab und zu bewegte sie sie auch auf dem Reitplatz, selten machte sie einen Geländeritt. Sie hatte das deutliche Gefühl Sarka mochte es nicht geritten zu werden. Aber sie sprach mit niemandem darüber, zu groß war die Angst sich lächerlich zu machen und außerdem wollte das Sarka nicht. Conny fing an Gefallen an der Situation zu finden, für wenig Aufwand regelmäßig Mieteinnahmen sowie Gebühren für ausgefallene Trainingseinheiten zu erhalten und verkaufte noch weitere Pferde, darunter zwei Kinsky-Stuten, deren Besitzer ebenfalls Boxen auf ihrem Hof anmieteten. Christina jedoch nörgelte zu Hause immer wieder über Connys häufige schlechte Laune, über den ungefegten Hof und die kaputten Weidezäune, auch von den Dorfbewohnern hörte man nichts Gutes über sie. Man munkelte der Mann hätte sie verlassen, ihr ginge es finanziell sehr schlecht und sie hätte zu trinken angefangen. So fassten Christinas Eltern nach einem halben Jahr den Entschluss Sarkas Box zu kündigen und das Pferd im Nachbarsort bei einer befreundeten Gutsbesitzerin unterzubringen, in der Hoffnung, dass die geliebte Tochter mit ihrem Pferd wieder glücklich werden würde. 

Dort begann für Sarka eine schwierige Zeit, denn das erste Mal in ihrem Leben war sie getrennt von ihren langjährigen Genossinnen, bekam eine vier Meter mal vier Meter große Gitterbox, wurde jeden Vormittag auf einen großen Paddock gestellt und musste sich dort in einer neuen Herde etablieren. Sie wurde geknufft und geboxt, gebissen und getreten und zum Rennen aufgefordert. In einer Pferdeherde gilt es sich wie bei den Menschen als Neuling zu integrieren, seinen Platz zu finden. Sarka versagte hierbei kläglich, sie rangierte schon bald als niedrigstes Herdenmitglied und jeder ließ seinen Frust an ihr aus. Sie verweigerte schließlich das Futter, ihr Fell wurde glanzlos, ihre Muskulatur verringerte sich mehr und mehr. Auch für Christina wurde es ungemütlich, denn die Stallkolleginnen hänselten sie wegen der ständigen Putzerei und Schmuserei, allen voran die schwarzhaarige gehässige Fabienne, die in den regelmäßig stattfindenden Reiterstübchenrunden unter lautem Gelächter der Anwesenden Christinas scheue linkische Art wunderbar nachahmen konnte. Anfangs sattelte sie Christina ihre Sarka auf Drängen der Mädchen häufiger für einen gemeinsamen Ausritt, aber Sarka benahm sich sehr schlecht. Teilweise bockte sie sogar, wenn Christina sie ängstlich im Tempo zurückhalten wollte und die Mädchen rücksichtslos mit ihren Pferden im Galopp losdonnerten. So fuhr sie immer seltener und irgendwann gar nicht mehr in den Stall und Sarka war ganz allein. Der neue zweifarbige Deluxe-Masssattel, den sie von ihren Eltern noch zur Konfirmation geschenkt bekommen hatte, hing in der Sattelkammer und verstaubte allmählich.

Schließlich nahm sich Mechthild der Geschichte an. Die resolute Mechthild, Freundin der Stallbetreiberin und Vertreterin alten Adelsgeschlechtes war natürlich mit Pferden groß geworden und kannte auch alle Geschichten über die zickige Conny. Sie rief Christina an und überredete sie  wieder in den Stall zu fahren. Sie schirmte sie von den Mädchen ab und half ihr bei der Versorgung von Sarka, hauptsächlich mit dem Hintergedanken selbst endlich wieder in den Sattel zu steigen. Mechthild, kurz und kompakt, stilvoll konsequent und reiterlich wunderbar unerfahren nahm sich der reiterlichen Ausbildung von Christina und Sarka an, die in einem einzigen Schieben, Drücken und Ziehen endete. Christina zog sich bereits nach der ersten Reiteinheit wieder in ihr Schneckenhaus zurück, so dass Mechthild nach kurzem Überlegen Christinas Eltern zum Abendessen in ihr hübsches Bauernhaus einlud und den Vorschlag unterbreitete, Sarka auf ihrem eigenen Hof in Wendshofen unterzustellen. Dort sollte Sarka eine hervorragende Ausbildung unter dem Sattel erhalten und Christina würde dann auch wieder mehr Lust bekommen sich um ihr Pferd zu kümmern. Hoffnungsvoll sagten die Eltern zu und wieder zog Sarka in ein neues Heim. Gleichgültig nahm sie dort ihre neue Stallpartnerin, eine alte rehegeplagte Fjordstute zur Kenntnis und wartete. 

Mechthild begann gleich am nächsten Tag die erste Ausbildungseinheit, trenste Sarka  und zog mit ihr auf den Reitplatz der benachbarten Domäne. Dort befestigte sie ihre alte Longe in den linken Gebissring der Trense, die sie zusammen mit dem wertvollen Sattel von Christina mitbekommen hatte. Dann schickte sie sie mit der Peitsche auf den Kreisbogen des mit schiefen Pfosten und teilweise herunterhängenden Latten eingezäunten Reitplatzes, auf dem der Belag als solcher kaum mehr zu erkennen war. Auf gewachsener Wiese waren hier und da ein paar Lagen Sand aufgebracht, weggescharrt von Pferden, deren Besitzer den Reitplatz als Paddock für ihre Lieblinge nutzten. Einige Pfützen hatten sich an tieferliegenden Punkten der Hufschlagfiguren gesammelt und rundherum standen riesige landwirtschaftliche Geräte. Mechthilds Ehemann und dessen Bruder, der die Domäne gepachtet hatte, schmiedeten große Pläne mit dem Gelände, alles sollte renoviert und mit hohen Investitionen zu einer großartigen Offenstallanlage für Pferde umgebaut werden, der Bauantrag lief bereits, und sie erwarteten bald die Baufreigabe. 

Sarka folgte brav Mechthilds Aufforderung, begab sich auf den Kreisbogen und folgte der windschiefen Einzäunung. Als sie an der offenen Zirkelseite auf dem Hufschlag der geraden Bahn weitergehen wollte, zog Mechthild an der Longe. „He, Sarka, hier geht es entlang!“ rief sie und zog noch ein bisschen mehr. Sarkas langer schlanker Hals überbog sich nach innen, wobei der Trensenring dabei durch das geöffnete Maul glitt. Schließlich folgte sie Mechthilds Zug und begab sich auf den Hufschlag des Longierzirkels. Mechthild passte bei der nächsten Runde gut auf und zog schon frühzeitig Sarkas Kopf auf die Innenbahn. So funktionierte das die ersten fünf Zirkelrunden im Schritt gut und Mechthild war zufrieden. Sie hatte schon oft zugesehen, wenn die Pferdebesitzer auf dem Gutshof ihrer Freundin die Pferde longierten und fand das gar nicht so schwierig wie es in den Büchern beschrieben wird. Nach der fünften Runde hob sie kurz vor der offenen Zirkellinie die Peitsche und knallte mit dem Schlag in die Luft, „Und Trabbb!“ rief sie. Sarka erschrak und trabte forsch an der Hufschlaglinie der Einzäunung entlang los, denn Mechthild hatte dummerweise vergessen während sie mit der rechten Hand die Peitsche betätigte, mit der linken Hand an der Longe zu ziehen. Dieses Versehen korrigierte sie aber umgehend indem sie mit doppelter Kraft Sarka auf den Longierzirkel zwang, dabei kräftig die Longe festhielt bis die Stute an der gegenüberliegenden Bande angekommen war. Wütend schlug sie mit der Peitsche nach ihr und zischte „das machst du nicht noch mal, meine Liebe!“, passte an der bekannten Stelle besser auf und wollte den Pferdekopf nach innen ziehen. Sarka kannte die Stelle aber nun auch und wurde sicherheitshalber schneller aus Angst ihr Gleichgewicht in der labileren Gangart zu verlieren, außerdem tat ihr die überdehnte Halsmuskulatur inzwischen ziemlich weh. Aber Mechthild war stark! Kräftig ruckte sie an der Longe, der rechte Trensenring hing bereits weit aus der linken Maulseite heraus, Sarka riß den Kopf hoch und höher, verdrehte ihn völlig und rannte wie vom Teufel besessen über den Reitplatz, aber Mechthild ließ nicht los! Nach dreißig Minuten Longierkampf gab Mechthild entnervt auf und zog Sarka zum Stall zurück wo sie sie mit einem Knuff in die Seite verabschiedete und sich vornahm mit ihrer Freundin und Schwägerin Hannelore, der Freifrau von Halsleben, zu sprechen, die mit ihrer Familie auf der Domäne lebte. 

Das Pferd von Hannelores Tochter war genauso aufsässig wie Sarka. Immer wieder rannte sie wie von Taranteln gestochen über den Reitplatz obwohl die 14jährige kräftig an den Zügeln zog und in den Steigbügeln stehend mit ihrem ganzen Gewicht dagegen arbeitete. Typisch Stute eben! Ach, wenn sie an ihren alten Wallach dachte, den sie vor der Geburt ihrer drei Kinder besessen hatte, ein lieber ruhiger dunkelbrauner Oldenburger – eine Seele von einem Pferd. Auch wenn man ihn nur mit kräftigem Sporeneinsatz und viel Schweiß vorwärts reiten konnte, wäre dem aber nie im Traum eingefallen ungefragt über den Reitplatz zu rennen. Schade, ihn hat sie dann kurz nach ihrer Hochzeit aus Zeitgründen verkauft an eine junge Frau, die mit ihm anschließend noch viele Turniere ritt, nachdem sie sich noch kurz nach dem Kauf über seine angeblich blockierte Muskulatur beschwert hatte. Hannelore war im Garten und rupfte trotz ihres gewaltigen Leibes Unkraut. Sie hob das verschwitzte Gesicht hoch als Mechthild nach ihr rief. „Hannelore, du sollst dich in deinem Zustand nicht mehr so tief bücken, das tut deinem Baby nicht gut!“ schimpfte sie mit ihr und schob den Liegestuhl heran, der auf der Terrasse stand. „Setz dich, ich mach uns einen Tee und sage Herrn Schmidt Bescheid, dass er den Garten herrichten soll“. Herr Schmidt war die gute Seele der Domäne: Pferdeknecht, Gärtner, Maschinist und Erntehelfer, alles ging dem 54jährigen leicht von der Hand, wenn er vorher heimlich an seinem Selbstgebrannten in der Kartoffelscheune nippen konnte. 

„Sag mal, Hannelore“ begann sie ihr Gespräch als sie aus der Küche kam und das aufgekochte Wasser in die auf dem Tisch stehenden Tassen über die Teebeuteln goß. „Du hast doch eine neue Reitlehrerin für die Caroline, oder?“ Hannelore sah sie über ihre Sonnenbrille, die sie sich eben mit der Hand aus den sorgfältig frisierten Haaren über die Augen schob, an. „Ja, interessante Ansätze, sag ich dir. Jedesmal wenn die Zicke mit Caroline losrennt, soll Caroline die Zügel locker lassen. Stell dir das mal vor! Das Pferd geht durch und die Zügel locker lassen! Erst wollte ich ihr sofort wieder kündigen, aber ich sage dir: es klappt! Sie arbeitet jetzt schon seit drei Wochen mit Caroline und Lotte ist wirklich schon ruhiger geworden. Sie hat mir etwas von Balanceschwierigkeiten erzählt, und dass Lotte falsche Muskulatur zum Bewegen einsetzt und noch andere Dinge, die ich mir nicht gemerkt habe. Aber ich habe das Gefühl, die müssen wir uns warmhalten. Sie hat mit Liesel und Hansi auch schon Führarbeit durch einen Parcours mit Stangen und Kegeln gemacht. Nein, war das niedlich!“ begeistert schwärmt Hannelore von der neuen Trainerin und Mechthild wurde nachdenklich. „Du, kannst du mir mal die Telefonnummer von ihr geben? Ich würd sie gern einmal für eine Einheit mit Sarka buchen.“ Anschließend sprachen die beiden Frauen von der anstehenden Geburstagsfeier des jüngsten Sohnes, den neuesten Kosmetikprodukten und ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten in der kleinen Dorfkirche.

 Sabine stellte ihren Wagen auf dem ihr bekannten Domänenhof ab und ging die letzten fünfzig Meter zu Fuß zum Reitplatz. Die Trainerin hatte hier bereits einige Male eine ältere Stute mit deren Reiterin unterrichtet, einem jungen Mädchen, dessen Wissensdurst und Verständnis für ihr Pferd viel Spaß machte. Der Mähdrescher und der danebenstehende Heuwender verstellten ihr zwar den Blick auf den Reitplatz, aber fassungslos erkannte sie dort durch die kurzen freien Sichtfelder ein Pferd, welches von einer in der Mitte an der Longe hängenden Frau zentrifugiert wurde. Ein isabellfarbenes Pferd, dem hängenden Bauch nach zu urteilen eine Stute, schredderte mit geblähten Nüstern im Kreuzgalopp und hocherhobenem Kopf über den Platz, wobei die Frau beide Beine fest in den Boden gerammt hatte und mit ihrem ganzem Gewicht die Longe festhielt. Sabine wurde schneller und betrat den Platz mit ruhigen sicheren Schritten, während sie in beruhigendem Tonfall die Frau zum Innehalten bat. „Mit dem Galopp klappt’s noch nicht so gut“ begann Mechthild die Vorstellung und sammelte die Longe ein, nachdem sie das Chaos mit einem lauten und häufig gezischten „Pssst“ beendet hatte. Sie reichte Sabine, die in einer durch jahrelanges Training aufrechten Körperhaltung langsam nähergekommen war, die Hand. „Schön, dass Sie gekommen sind. Ich bin Mechthild von und zu Lebensbach und das ist Sarka, die Kinskystute von der ich Ihnen am Telefon erzählte.“ Das Pferd stand heftig um Atem ringend mit hängendem Kopf und leeren zu Boden gerichteten Augen neben Mechthild. Auf den ersten Blick erkannte Sabine versteckt unter der ungünstigen Muskulatur, dem hervorstehenden Brustbein, des stark nach unten gekrümmten Rückens und den zittrigen Vorderbeinen ein Pferd von unverkennbarer Schönheit einem Lipizzaner oder Kladruber ähnlich, ein Pferd welches weiche schwingende Gänge und einen anmutig getragenen Hals versprach, der aber derzeit nur noch schwach vom Nackenband in einer elenden Haltung getragen wurde.  

„Wie ich ja schon erzählte, ist sie ein rüüührendes Pferd.“ Sabines Augen wurden von dem übertrieben spitz geformten Mund der Frau angezogen. „Wirklich rührend! Ich kann meinen Sohn ohne Sattel und ohne Reitkappe auf sie setzen und sie durch das ganze Dorf führen. Sie passt so rührend dabei auf ihn auf. Aber hier auf dem Reitplatz ist sie fürchterlich zickig.“ Sabine hielt der Stute ihre Hand hin und berührte sie sanft am Hals, ein tiefes einsames Gefühl durchfuhr sie. Dann stellte sie Mechthild viele Fragen nach der Herkunft der Stute, deren Ausbildung, den Vorbesitzern, nach Mechthilds reiterlicher Erfahrung und viele weitere um sich ein Gesamtbild machen zu können. „Was machst du denn normalerweise, wenn Sarka im Kreuzgalopp anspringt?“ fragte sie, nachdem Mechthild ihr langatmig von dem alten Wallach erzählt hatte. „Wie, Kreuzgalopp? Das sehe ich doch gar nicht!“ lachte sie und winkte ab. „Erst einmal möchte ich doch nur ein Freizeitpferd,  kein Dressurpferd.“ Sabine war in ihrer Ruhe und Höflichkeit ein Mensch, der den Pferdebesitzern geradeheraus mitteilte, was sie für einen Eindruck hatte und wie die weitere Ausbildung des Pferdes ihrer Meinung nach ablaufen sollte. „Mechthild, nach deinen Erzählungen zu urteilen hast du noch kein Pferd selber ausgebildet. Unter Ausbildung versteht man nicht nur das Reiten von Lektionen oder das Anreiten eines jungen Pferdes, sondern auch die Korrektur eines Pferdes, welches wie man so schön sagt verritten ist. Diese Stute hier ist aufgrund veränderter Lebensverhältnisse und ungünstiger Ausbildungsschritte aus ihrer inneren und äußeren Balance gekommen.“ Heftig nickte Mechthild, davon verstand sie etwas. Auch ihr jüngster Sohn war kurz nach der Einschulung aus seiner Balance gekommen und wurde nun von einem Fachtherapeuten begleitet. 

„Wenn die Stute in einem fehlerhaften Galopp anspringt, muss das sofort korrigiert werden, damit sie sich das nicht als richtig angewöhnt. Jedoch liegt die Ursache nicht in dem falschen Galopp, sondern in einem sehr ungünstigen Gleichgewicht aufgrund mangelnder Muskulatur und sollte erst einmal durch leichtere Lektionen auftrainiert werden. Wir Barockreiter arbeiten bei diesen Pferden zuerst über die Arbeit an der Hand, die sich auf dem einfachen Führtraining mit Lektionen wie vorwärts, halten, rückwärts und seitwärts aufbaut. Ich schätze diese Stute trotz ihres plump aussehenden Körpers als ein sehr leichtfüßiges sensibles und edles Pferd ein, die behutsam und unter professioneller Anleitung langsam umtrainiert werden muss. Ich glaube nicht, dass du das unter den hiesigen Umständen allein absolvieren kannst.“ Sie schaute über den unebenen Reitplatz, dann Sarka und schließlich Mechthild an und sagte „du solltest sie in Beritt geben“. Mechthilds berühmter Zeigefinger des Haushaltens erhob sich warnend vor ihrem geistigen Auge und sie antwortete „du glaubst also nicht, dass ich die Stute allein ausbilden kann? Naja, so etwas habe ich mir schon gedacht, das war mir doch ein bisschen heftig geworden. Aber was kostet denn so ein Berittplatz? Vielleicht kann ich die Besitzer von Sarka überreden dies zu finanzieren, denn es ist ja immer noch ihr Pferd.“ Die letzten Worte kamen etwas trotzig, obwohl ihr der Begriff „edel“, mit dem Sarka von Sabine beschrieben wurde, doch sehr gefiel. Mechthild werde die Besitzer von Sarka mit einschalten und sich dann telefonisch bei der Trainerin melden.

Sarka zog wieder in ein neues Heim. Sie erhielt eine Innenbox auf Sabines kleinem Ausbildungsbetrieb. Sabine war lange Jahre lang eine regionale Koryphäe auf dem Gebiet der Kinderreitunterrichte gewesen und hatte ein Buch über Reiten mit Köpfchen für Kinder geschrieben. Nachdem konventionelle Reiterhöfe für Kinder dann wie Pilze aus dem Boden schossen und ihre alten treuen Ponies müde geworden waren sattelte sie um auf die klassisch barocke Reiterei, nachdem sie durch eine Trainerin aus Hamburg Bekanntschaft mit dieser für sie neuen, durchdachten und sehr pferdefreundlichen leichten Reitweise gemacht hatte. Sie bewarb sich für den ersten Trainerlehrgang, den der Bundesverband für klassisch barockes Reiten in Heist anbot und bestand diesen mit Bravour. Seitdem bildete sie Pferdebesitzer und deren Lieblinge auf ihrem gemütlichen Hof aus, der eine kleine Reithalle, einen Reitplatz, eine Führanlage, Paddocks, Wiese und mehrere Innen- und Außenboxen für ihre eigenen und für Berittpferde beherbergte. Neben Sarka stand Sabines eigene Stute, eine selbstgezogene Fabriano-Tochter aus einer Trakehnerstute von Gunnar. Eine sensible Persönlichkeit, die die Probleme von Menschen und Tieren förmlich in sich aufsaugte. Sabine bemerkte erst in reiferen Jahren die enorme Leistung dieses Pferdes, die sich jahrelang als Schul-, Voltigier- und Therapiepferd für Kinder und Erwachsene in ihrem Betrieb einsetzte. Zu der Zeit jedoch, als Sarka auf Sabines Hof einzog, gab es dort schon lange keinen Schulbetrieb mehr und Taube hatte sich allmählich von den Altlasten befreien können. Nun war sie nach Sabines Meinung wieder stark genug eine neue Aufgabe zu erhalten, nämlich Sarka zu helfen. 

Nachdem Sarka ihre neue Box bezogen hatte, ging Sabine mit Christina und deren Mutter in die Reiterstube, in der ein Gasofen ein künstliches Feuer und etwas Behaglichkeit ausströmte. Sie bat die beiden an dem rustikalen Tisch Platz zu nehmen und erläuterte wie sie das Training und die Aufbauarbeit mit Sarka gestalten wollte. Langsam taute die Mutter auf und begann, nachdem Sabine ihre Ausführungen beendet hatte, über Conny zu schimpfen. Conny sei an allem schuld, schließlich hat sie ihnen das Pferd untergeschoben, na und die Verkaufsabwicklung war ja auch nicht ohne Probleme, sagte sie und breitete den Kaufvertrag vor Sabine aus. Sabine warf einen kurzen Blick darauf, schob die Unterlagen beiseite und sah Christina an, die bis jetzt still dasaß und die Augen auf den Tisch gerichtet hatte. „Na Christina, möchtest du einmal mit in die Reithalle kommen und ich zeige dir, wie ich mit meinem Pony arbeite? Dann kannst du dir vielleicht besser vorstellen was Sarka jetzt erwartet.“ Christina nickte und nach fünf Minuten trafen sich alle in der Reithalle mit einem von Sabines Pferden, dem Nachwuchs ihres Friesenhengstes und einer Haflingerstute. Ein schwarzer kleiner Teufel im Endponymass, genannt Bero, der begeistert und flink alle Lektionen zeigte, die Sabine von ihm an der Hand verlangte: Seitengänge in verschiedenen Gangarten, spanischer Schritt und Trab, Piaffe und Passage, sogar eine kleine Kapriole sprang er voll Enthusiasmus. Anschließend legte er sich auf Sabines Kommando hin und kam darüber in das Sitzen. Stolz blickte er um sich und Sabine forderte Christina und ihre Mutter auf, ruhig ihre Freude zu zeigen und zu klatschen. Der Kleine mochte Applaus sehr gern, war er doch das großartige Hexenpony im Schaubild der Barockenhexen, wo er von einer begabten Reitschülerin, einem vierzehnjährigen Mädchen, auf überregionalen Veranstaltungen geritten wurde. Christina fragte begeistert, ob sie ihn einmal streicheln dürfe und nachdem er wieder auf allen vier Beinen stand tätschelte sie ihm glücklich den Hals. „Schau Christina, und so reiten wir hier auch. Die Pferde sollen sich wohl fühlen und ihre Lektionen fröhlich für uns zeigen, sie werden stärker, schöner und immer leistungsfähiger. Ich möchte deiner Sarka auch diese Freude bei der Arbeit mit dem Menschen beibringen, damit auch sie wieder schön und stark wird.“ Christinas Augen füllten sich mit Tränen und als sie kurze Zeit später wieder in der Reiterstube saßen schaute sie ihre Mutter schuldbewusst an und erzählte von ihrer großen Liebe zu Sarka und der Glückseligkeit als sie ihr geschenkt wurde. Aber sie erzählte auch von den unangenehmen Schmerzen in Armen und Beinen, wenn sie im Reitunterricht wieder und wieder treiben und parieren musste. Sie erzählte von der unangenehmen Stimme der Reitlehrerin, vor der sie Angst hatte. Leise erzählte sie auch, dass Sarka ihr gesagt hätte, dass sie nicht geritten werden wollte, aber dass sie das niemandem sagen durfte. Und alle haben immer über die Pflege und ihre Sorge um Sarka gelacht und bei Mechthild sollte sie wieder so fest an den Zügeln ziehen. Und weil sie ihren Eltern versprochen hatte die schulischen Leistungen nicht zu vergessen und der Druck in der Schule immer mehr zunahm, da klappte dann einfach gar nichts mehr. Zum Glück brachte sie trotzdem gute Noten nach Hause und war froh wenigstens ihren Vater nicht zu enttäuschen, brachen alle ihre Sorgen aus ihr heraus. Die Mutter schaute sie entgeistert an und nahm sie in den Arm, so saßen sie noch eine Zeitlang zusammen bis sie sich von Sabine verabschiedeten und ihr Sarka von Herzen anvertrauten. 

Sabine ging anschließend zu Sarka in die Box, sprach sie leise an und begab sich in eine Ecke, wo sie sich auf einem kleinen Strohhaufen niederließ. Sarka schaute sie kurz an, drehte ihren Kopf wieder zurück zur Wand und lehnte ihre Stirn dagegen, so stand sie eine lange Zeit. Taube zupfte in der Nachbarbox ruhig an ihrem Heu, sie schien Sabine mitzuteilen, dass Sarka noch eine Zeitlang bräuchte um anzukommen. Nach einigen Minuten ruhigen Dasitzens begann Sabine Sarka mit kritischen Augen zu beurteilen, die extrem zehenenge Stellung ihrer Vorderbeine, die vom rippigen runden Bauch fast schon abgespreizten Ellbogen, der  müde Rücken, die… nein, das durfte jetzt und hier in Sarkas neuem Heim nicht in Gedanken gefasst werden. Hier sollen positive Schwingungen Einlass erhalten. Sie stand auf und verließ die Box, nachdem sie Sarka noch einmal sanft über den Hals strich. 

In den ersten Tagen verlangte Sabine nichts von Sarka außer die sich langsam steigernden Trainingseinheiten in der Führanlage, die die Stute mit Bravour meisterte. Sie trottete sofort hinter dem Führgitter hinterher als hätte sie ihr Leben nichts anderes getan. Taube im Nachbarabteil schlurfte gelangweilt am Innenkreis entlang über den mit Fallschutzsteinen ausgelegten Boden. So ein langsames Tempo war unter ihrem Niveau! Auch die regelmäßigen Drehungen zum Handwechsel führte Sarka aus, als kannte sie dies alles schon. Auffällig jedoch waren ihre außerordentlich instabilen Hinterbeine, die man jetzt auf dem ebenen Boden und auf dem verhältnismäßig kleinen Kreisbogen gut beurteilen konnte. Bei jedem Schritt schien es als gäben die Gelenke des inneren Hinterbeines komplett nach und das äußere musste sie nach innen setzen, ansonsten wäre sie wohl umgefallen. Sabine stellte die Führanlage auf die kleinste Stufe und ließ Sarka anfangs nur wenige Minuten in der Anlage . Trotz der winterlichen Temperaturen durften Taube und Sarka einige Zeit auf der kleinen Koppel, die gegenüber der Straße lag, zusammen verbringen. Langsam freundeten sich die beiden miteinander an, Taube behutsam und freundlich, Sarka zurückhaltend und desinteressiert. Am dritten Tag sollte Sarka allein die Box verlassen und in der Stallgasse geputzt werden. Dort ließ sie sich anbinden um anschließend wieder ihre Stirn gegen die Wand zu lehnen wie sie es bereits am Ankunftstag in ihrer Box getan hatte und die sie außerhalb der Fresszeiten immer wieder einnahm. Diese Position verließ sie auch beim Putzen nur, wenn sie sich umdrehen oder einen Schritt zurückgehen sollte. Anschließend rückte sie wieder langsam zur Wand vor, um ihre Stirn dagegen zu lehnen. 

Sabine empfand großes Mitleid mit Sarka, gab ihr aber immer wieder neue kleine Aufgaben, so dass sich die Stute nach einer Woche bereits längerere Zeit von der Wand entfernt hielt und begann mit langsam erwachendem Interesse die anderen Pferde anzusehen, die herumlaufenden Hunde zu beschnuppern oder die Leckerli anzunehmen, die Sabine ihr hinhielt. Bald darauf lernte sie, die dargebotenen Belohnungen nur entgegen zu nehmen, wenn sie nach vorne schaute und den Kopf senkte. So verhinderte Sabine, die alle Pferde mit Lob und positiver Verstärkung trainierte, dass ihre Schüler anfingen zu betteln oder in den Hosentaschen zu wühlen. 

Das Hufeauskratzen gestaltete sich als sehr schwierig, weil Sarka nicht in der Lage war, über einen längeren Zeitraum ihr Gleichgewicht auf drei Beinen zu halten, egal welches Bein man hochhielt. So war eine gründliche Hufpflege nur möglich, wenn sich Sarka seitlich an die Wand lehnte. Sabine besprach bald einen Termin mit ihrem Schmied, zum Glück war dieser spezialisiert auf gesundheitlich eingeschränkte Pferde und ging mit solchen Problemen behutsam und ruhig um. 

Tag für Tag baute sich die Muskulatur in Sarkas Körper durch Führanlage und Koppelaufenthalt langsam auf und so begann Sabine mit dem Training in der Reithalle. Erste Führübungen am Knotenhalfter und Führstrick meisterte Sarka wieder mit Bravour. Sabine hatte ein großes Repertoire über Kommandos von ihren Berittpferden erlernt, so dass sie schnell herausfand wie fein Sarka auf ein leises Pssst, Schsch und ein kurzes Schnalzen reagierte. Sie lobte Sarka oft und hielt die Trainingseinheiten auf fünf Minuten beschränkt. Inzwischen schaute Sarka auch schon aus der Box heraus wenn Sabine über den Hof ging. Ab und zu erwischte man sie zwar noch in ihrer versunkenen Haltung an der Wand, aber diese Situation beendete sie meist schnell von sich aus und wendete sich interessanteren Dingen zu, vor allem Taube in der Nachbarbox. Diese drehte sich nun schon häufiger leicht genervt weg, wenn Sarkas großer Kopf mit den schwarzen sehnsüchtig um Nähe bittenden Augen über der Boxenwand hing. 

In den nun bald aufgenommenen Trainingseinheiten an der Hand nach Philippe Karl, dem bekannten französischen Ausbilder, sollte Sarka eine genaue Kommunikation über das Gebissstück erlernen, so dass die Menschenhand den Pferdekopf in jede gewünschte Höhe und Stellung und den Pferdehals in jede gewünschte Haltung und Länge formen kann. Sarka begann mit Feuereifer diese für sie neuen Lektionen zu erlernen, sie kaute eifrig ab und ließ ihren Hals im Halten und auch schon im Schritt nach links und rechts biegen. Die Muskulatur des Halses baute auf und wurde kräftiger, so dass man immer deutlicher seine ursprünglich geschwungene Form erahnen konnte und stabiler wurde. In den darauffolgenden Schritt-Trab-Übergängen zeigte sich Sarka wie gewohnt gehorsam auf die Kommandos, jedoch schwankte sie beim Übergang vom Trab in den Schritt so stark, dass sie teilweise mit den Hinterbacken gegen die Bande plumpste. Sabine ging in den Anforderungen wieder einen Schritt zurück und nahm die Arbeit mit Knotenhalfter und Strick auf, so dass sie Sarka bei den Übergängen in keinster Weise im Kopf/Halsbereich stören konnte. Langsam, aber stetig verbesserte sich Sarkas Selbsthaltng so weit, dass sie wieder mit der Trense gearbeitet werden konnte. Da der Hals am Ansatz zwischen den Schultern schon so stark geworden war wollte Sabine nun mit den ersten Abstellungen im Schultervor beginnen, jedoch scheiterten auch hier wieder die ersten Versuche kläglich und die Bande fing Sarkas wackelige Hinterhand auf. 

Immer wieder motivierte Sabine in ihrer mitreißenden Art das Pferd, die sich redlich mühte den Anforderungen nachzukommen. Und tatsächlich wurde die Balance Tag für Tag besser und Sarka konnte bald auf beiden Händen ihre Schulter ein wenig nach innen verschieben und mit den Hinterbeinen fast ohne zu schwanken geradeaus weitergehen. Trotz aller Bemühungen seitens Sarka war Sabine aufgrund ihrer Erfahrungen mit anderen Pferden unzufrieden mit dem Ergebnis, es ging einfach unnatürlich langsam voran und die Erfolge waren zermürbend gering. Sabine zermarterte sich ihren Kopf über das Pferd, recherchierte im Internet über Wobbler, Ataxie, Borna und andere Krankheiten, deren Anzeichen sie alle in Sarkas Verhalten wiederfand. Trotzdem es half ja nichts, Sarkas Muskulatur und Stabilität musste aufgebaut werden, egal was sie in ihrem Körper herumtrug. 

In der nächsten Lektion, dem Antouchieren der Hinterbeine mit der Gerte, zeigte Sarka, dass ihr Gleichgewicht doch inzwischen schon recht gut trainiert war. Sabine ging sehr sanft und vorsichtig diese Lektion an, denn Sarka reagierte inzwischen hochsensibel auf ihre Wünsche und Aufforderungen und lernte auch hierbei innerhalb von zehn Minuten auf ein bloßes Ansehen des Beines und ein geflüstertes „Links“ das linke Bein ruhig anzuwinkeln und anschließend abzusetzen um das rechte Bein auf Sabines Kommando hochzunehmen. Sabine war verblüfft, das hatte noch kein Pferd so schnell verstanden. Sie widerstand der Versuchung diese Lektion auch im Schritt abzufragen, jedoch fing Sarka bereits nach wenigen Tagen an auf das Antouchieren hin wenige Tritte zu piaffieren. Sabine blieb die Luft weg, so eine wunderschöne elegante Erscheinung hatte sie noch nie gesehen! Dieses Pferd mit ihrem immer noch ungelenken Körper, mit dem hervorstehenden Brustbein und dem runden rippigen Bauch, ihrem hellbraunen Fell und der schönen weißen Mähne, schwebte förmlich über dem Reithallenboden, richtete ihren eleganten Hals auf, rundete ihn und machte wieder drei, vier Piaffetritte. Sabine war ergriffen von dieser Schönheit. 

Acht Wochen später kamen Christina und ihre Mutter zu Besuch und waren völlig aus dem Häuschen wie Sarka mitarbeitete und wie sich ihr Körper verändert hatte. Jedoch sprach Sabine ihre Bedenken aus, dass mit Sarka irgendetwas nicht stimmen kann. Ja, sie machte für ihre Verhältnisse grosse Fortschritte, aber in einem so langsamen Tempo wie sie es noch nie bei einem Pferd erlebt hat. Und auch ihre Hinterhand war trotz der gut aufgebauten Muskulatur nach diesem Trainingszeitraum noch zu instabil. Sabine schlug eine tierärztliche Untersuchung vor, um alle pathologischen Probleme auszuschließen, da das Training nun intensiviert werden sollte. Sie stellte sich selbst als Fahrerin und ihren Pferdehänger als Transportmittel zur Verfügung um in der vierzig Kilometer entfernt liegenden Tierarztpraxis Röntgenbilder der Hinterhand zu erstellen. Bald war ein Termin ausgemacht und das Ergebnis war niederschmetternd: kissing spines im Endstadium zwischen dem zehnten und zwölften Brustwirbel sowie dem dritten und vierten Lendenwirbel und zusätzlich Osteochondrose in beiden Kniegelenken, vornehmlich im linken Gelenk. Der Tierarzt betonte ausdrücklich, dass Sarka niemals als Reitpferd eingesetzt werden sollte. Die Knieproblematik könne man eventuell mit Medikamenten langwierig behandeln, ein Erfolg sei nicht zu garantieren. Christina war bei der Untersuchung anwesend und brach bei der kurz und knapp vorgebrachten Diagnose in Tränen aus, bedrückt fuhr Sabine Sarka anschließend nach Hause. 

Das Gespräch mit Christinas Eltern fand wieder in der Reiterstube statt, Christina war nicht dabei, dafür aber der Vater. Die Eltern wollten natürlich nicht weiter für Sarkas Beritt zahlen, weil es sich ja nicht lohne. Auf Sabines Einwand hin, dass Christina doch wunderbar mit Sarka weiter an der Hand arbeiten könne, winkte der Vater ab und sagte, dass sie seit zwei Wochen einen Freund habe und sie eigentlich Sarka nicht mehr haben möchte, zu sehr sei sie enttäuscht worden. Und außerdem ist die Schule wichtiger. Die Mutter schaute einmal kurz mit leicht gesenkten Kopf zu Sabine herüber und sagte nichts weiter. Auf des Vaters Frage hin, ob man das Pferd wieder verkaufen könne, schaute Sabine ihn verdutzt an. „Nein, ich glaube, niemand kauft ein so krankes Pferd“ antwortete sie, „vielleicht verschenken Sie es als Beistellpferd an Irgendjemanden“. Das Wort Irgendjemanden betonte sie ausdrücklich, schließlich hat Sarka es wirklich nicht verdient schon wieder in die nächsten Hände zu wandern! „Was ist mit Mechthild oder fragen Sie doch die Vorbesitzerin, diese Conny Soundso, vielleicht möchte sie sie wieder zurücknehmen“. Da wurde die Mutter wütend und schimpfte, sie wäre bereits mit ihrem Anwalt den Kaufvertrag durchgegangen, aber da kann man nichts machen. Diese Conny hat uns ganz schön über’s Ohr gehauen, betonte sie laut. Sabine wurde nachdenklich, das wurde ja immer schöner. Und dann sagte sie etwas, was ihr fünf wertvolle Jahre der Erfahrung einbrachte: „Ich würde Sarka auch nehmen!“.

Laura, Sarkas zierliche Reitbeteiligung, war traurig, denn sie musste sich von ihrem Lieblingspferd trennen, weil sie eine Ausbildung in Hamburg antrat. Viele Ausritte, zwar kurz aber schön und zufriedenstellend, hatte sie mit der sensiblen Stute absolviert, immer in Begleitung von Sabine und Taube. Sabine hat auf fast allen Lehrgängen, die auf ihrem Hof stattfanden, mit Sarka an der Hand und mit Laura im Sattel demonstriert wie man an Piaffe und Passage arbeitet, auch das Schulterherein beherrschte Sarka inzwischen hervorragend, an der Hand im Schritt und Trab, im Sattel im Schritt. Der Galopp wurde nicht von ihr gefordert, weder an der Hand, noch an der Longe oder unter dem Sattel, das konnte ihre Hinterhand nicht bewältigen. Auch wurde sie nie länger als zwanzig Minuten gearbeitet, aber es waren herrliche Zeiten, in denen Sarka glänzte und zu einem stolzen Pferd wurde. Laura fuhr fort nach Hamburg und Sabine hatte immer mehr Arbeit mit ihren vielen Reitschülern, so drohte Sarka eine Unterbeschäftigung, die ihr nicht gut tun werden würde. 

Sabine ging zu der jungen blonden Frau in der großen neu gebauten Halle einer Offenstallanlage im Nachbarsort, die ein hellbraunes Pferd mit dunkler Mähne und dunklem Schweif am Halfter neben sich stehen hatte, und die sie telefonisch um einen Termin für Reitunterricht gebeten hatte. „Hallo, das ist Nikola und ich bin Susanne“ stellte diese sich vor und erzählte von ihrem Pferd, von der Vorbesitzerin Conny und von Sarka, die damals doch so sehr an Nikola hing. „Ich habe Nikola vor fünf Jahren von Conny gekauft und bin nun hierhergezogen.“ Conny ging es ja furchtbar schlecht damals, aber jetzt hatte sie sich wohl gefangen und war mit einem sehr netten Mann zusammen, der als Landwirt ihren Hof auf Vordermann brachte. „Sie hat immer noch die anderen drei Kinskys, drei davon waren ja verkauft, aber eine Stute hat sie wieder zurückgenommen, weil die Besitzerin nicht mit ihr klar kam. Ich habe gehört, du hast Sarka übernommen?“ Und so erzählte Susanne und erzählte, sie wusste alles über die angeblichen Kinskys, die gar keine waren, weil das ja alles gefälschte tschechische Farbzuchten waren. Und sie wusste alles über Conny und ihre drei isabellfarbenen Stuten, und schließlich fasste Sabine einen Plan. 

Sie schrieb Christinas Mutter einen Brief und erklärte dieser die Situation, dass Sarkas Reitbeteiligung wegziehen musste und dass sie selbst vor lauter Arbeit nicht wußte wie sie ihre eigenen Pferde noch trainieren sollte. Und ob Christinas Mutter einverstanden wäre, dass sie Sarka Conny anbot zurückzunehmen, ebenso kostenlos wie Sabine Sarka von Christinas Eltern erhalten hatte. Die Zeit heilt alle Wunden, sie erhielt einen lieben Brief zurück, Christina war zum Studium ins Ausland gegangen, sie war verlobt und natürlich wollten sie für Sarka nur das Beste. Und wenn Sabine der Meinung war, Conny wäre das Beste, dann wollen sie sich nicht dagegen stellen. Dann nahm sie Kontakt zu Conny über deren Internetseite auf, weil sie nicht wusste, wie sie die Angelegenheit am Telefon angehen sollte. Sie schrieb ihr eine kurze Mail und erhielt eine überraschend freundliche Antwort, mit der sie herzlich eingeladen wurde, Conny zu besuchen und über Sarka zu sprechen. Sabine betrat den einladenden großen Gutshof nachdem sie ihr Auto draußen auf dem Parkplatz abgestellt hatte. Fröhlich winkte ihr eine dunkelhaarige kräftig gebaute Frau von einem Stallgebäude aus zu und ging ihr entgegen. Conny und Sabine begrüßten sich herzlich und sofort war das Eis gebrochen. Conny zeigte Sabine den gesamten Hof, zuerst das Wohnhaus, in dem ein gutaussehender Mann, der sich als Connys Lebensgefährte vorstellte, in der Küche werkelte und ihr höflich die Hand gab. Anschließend gingen sie durch den Garten und Sabine bestaunte die großzügigen Paddockboxen, und Conny zeigte ihr die Reithalle, von der aus man über die Wiesen schauen konnte und dann, ja dann betraten sie eine große Laufbox, in der drei isabellfarbene Pferde dicht nebeneinander auf dem Boden lagen und dösten. Langsam hob eine von ihnen ihren Kopf und wieherte leise grummelnd Conny zu, als diese sich neben sie hockte. Blitzartig wurde Sabine klar wie Conny sich damals in der Tschechei gefühlt haben musste, als sie die fremde dunkle Laufbox betrat. Sie fühlte eine große Verbundenheit und tiefen Frieden in diesem schönen hellen Stall hier und wusste sofort, dass auch Sarka hierher gehörte. 

Bereits am nächsten Tag wurde Sarka unter lautem Wiehern von ihren alten Stallgenossinnen begrüßt und eilte auf den bekannten Stall zu, nachdem sie unter heftigem Gepoltere den Pferdehänger verlassen hatte. Kurz bevor sie Conny in die Stalltür folgte blieb sie stehen und sah sich noch einmal nach Sabine um, dann verschwand sie in der großen Laufbox.

Lengde, im Januar 2012